Ukraine// Lviv: Eine Stadt, die unsere Herzen nicht erobern konnte.

Ukraine// Lviv: Eine Stadt, die unsere Herzen nicht erobern konnte.

Lviv / Lwow / Lemberg

Von Krakow aus, geht es also weiter mit dem Zug nach Przemyśl, der polnischen Grenzstadt zur Ukraine. Hier finden wir einen – zugebenermassen reichlich ranzigen – Bus nach Lviv. Nach kurzer Fahrt erreichen wir bereits den Grenzposten. Dass hier eine EU-Außengrenze verläuft, ist nicht zu übersehen: Zäune und lange Wartezeiten sprechen eine deutliche Sprache. Nach etwa zwei Stunden und nachdem fünf unterschiedliche Grenzbeamte sich davon versichert haben, dass im Gepäckraum des Busses wirklich keine illegalen Passagiere ausharren, erhalten wir unsere Einreisestempel und der Bus kann seine Fahrt endlich fortsetzen.

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Die Häuser wirken hinter der Grenze deutlich schlechter in Schuss und wir sehen immer häufiger Menschen, die ihre Äcker mit Pferdepflug bestellen.
In Lviv angekommen, befällt uns erstmal Ratlosigkeit, da wir die Tramhaltestelle in Richtung Innenstadt nicht finden können. Die Menschen auf der Straße sprechen leider allesamt kein Englisch und können uns nicht weiterhelfen, bzw. gehen gar nicht erst auf unsere Versuche unser Anliegen mit Händen und Füssen zu schildern ein. Nach einigem Suchen finden wir doch die richtige Tram. Diese sieht jedoch so alt und klapprig aus, dass wir extrem verwundert sind, dass sie sich überhaupt in Bewegung zu versetzen vermag. Gleiches gilt für die vielen alten Autos, die auf dem Kopfsteinpflaster ordentlich scheppern. Der ÖPNV scheint hier übrigens deutlich in Frauenhand zu sein, so sehen wir extrem viele wasserstoffblonde Tram- und Busfahrerinnen, die in mit Wandteppichen oder Seidenrüschen ausstaffierten Fahrerinnenkabinen über der Straße thronen, telefonieren, schwatzen, fahren, Fahrkarten verkaufen und hinsichtlich ihrer Fahrweise und ihres Humors wohl ganz passend mit den Worten „derb-rustikal“ beschrieben werden können. ;)

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Im Hostel sind wir die einzigen Gäste und nach einigen Problemen – bedingt durch die Sprachbarriere – können wir unser Zimmer beziehen, aus dem uns aber Hunger und Entdeckerlust alsbald wieder heraus in die Stadt treiben.
Es gibt leider Städte, mit denen wird man einfach nicht warm – Lviv scheint dazuzugehören. Wir fühlen uns nicht so recht wohl hier. Zwar sind die Häuser der Innenstadt wirklich sehr hübsch, aber die Atmosphöre empfinden wir nicht als angenehm. Die Menschen mustern uns beständig, aber nicht auf eine freundlich interessierte, sondern auf eine ablehnende Art, häufig haben wir das Gefühl, dass man sich über uns lustig macht. Sprechen wir Leute an, sind sie meist kurz angebunden, häufig unfreundlich – egal, ob sie Englisch sprechen oder nicht. Abends ziehen viele Betrunkene, laut gröllende Männer durch die Strassen.

Schade, dabei ist Lviv eine wirklich interessante Stadt mit einer sehr wechselhaften Geschichte in der viele Nationen, Religionen und Kulturen ihre Fußabdrücke hinterlassen haben. Allein in der Vielzahl an Gotteshäusern unterschiedlicher Glaubensrichtungen, spiegelt sich dies deutlich wieder.
Ebenfalls gefällt uns die ausgeprägte Kaffekultur sehr. Vom osmanischen Reich gefangen genommen, verbrachte ein Bürger der Stadt viele Jahre in der Türkei. Es gelang ihm die Flucht nach Wien, wo er das erste Kaffeehaus Europas eröffnete. Als er zurück nach Lviv kehrte, brachte er die Kaffeekultur auch in seine Heimatstadt, in der es seitdem einige schöne Kaffeehäuser gibt. Diese Infos und mehr zur Geschichte der Stadt erfahren wir während einer kostenlosen Stadtführung, die uns eine junge Ukrainerin gibt, die zwar auch etwas distanziert, aber wirklich sehr nett ist und zudem extrem viel über ihre Stadt, geschichtliche und vor allem kunstgeschichtliche Hintergründe zu berichten weiß. Darüber hinaus führt sie uns in einige wirklich schöne Kirchen, wovon uns eine recht schlichte, kaum renovierte mit wunderbaren Fresken an der Decke sehr in ihren Bann zieht.

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Donnerstag Abend schon geht es weiter mit dem Nachtzug nach Kiew. Viel Zeit hatte Lviv nicht um unser Herz zu erobern, vielleicht war das ein Fehler. In der kurzen Zeit haben wir einfach keinen Zugang zu den Bewohner_innen der Stadt gefunden, was sicherlich auch der Tatsache geschuldet, dass wir des Russischen – geschweige denn des Ukrainischen – nicht mächtig sind. Schade! Aber nun sind wir erstmal froh weiterzureisen und besteigen den extrem langen blau-gelben Nachtzug der ukrainischen Eisenbahngesellschaft.

//Heiko

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1 Comment

  1. Rene - 7. Juli 2013

    Hi,

    wir verfolgen eure Berichte mit Interesse und sind begeistert von den Bildern. Mehr davon. Jeden Tag bei euch gibt uns das Gefühl, dass es Zeit wird auch mal wieder in Urlaub zu fahren. Wir wünschen euch alles Gute und eine aufregende Zeit. Wir haben euch im Auge. Grüße Susi, Rene und Dominik. Natürlich auch schöne Grüße von allen anderen (gestern war Geburtstagsfeier bei Michelle).

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