Ukraine// Kyiv: Von Schweinchen Dick, pathetischen Gesängen und einer ganz besonderen Schuhmode.

Ukraine// Kyiv: Von Schweinchen Dick, pathetischen Gesängen und einer ganz besonderen Schuhmode.

…wir besteigen also den langen, blauen Zug nach Kiev. Das gebuchte Grossraumschlafabteil beherbergt mehrere Separees mit insgesamt circa achtzig Betten. Heiko und ich schlafen in der oberen Etage und schon bald wird uns klar, was uns diese Nacht erwarten wird: Temperaturen um die 30 Grad Celsius, keine Klimaanlage und – was viel schlimmer ist – keine Fenster zum Öffnen. Das wird wahrlich eine Freude, nur gut, das wir unsere knallroten Campingteller zur Hand haben und uns damit Luft zufächern können. Zwar beäugen uns die anwesenden Ukrainer_innen etwas entgeistert, doch das liegt sicherlich auch daran, dass wir zunächst ein kleines grosses Rucksack-Chaos veranstalten müssen – auf der Suche nach unseren Tellern. Die Nacht ist also lang und wird im folgenden rhythmisiert durch kurze Schlaf- und lange Wedelphasen, doch gegen sieben Uhr morgens kommen wir pünktlich in Kiev an und sind vor allem eines: erschöpft und duchgeschwitzt. Dementsprechend sehnen wir uns nach Bett und Dusche, die uns das „Salve-Hostel“, in dem wir ein Zimmer reserviert haben, verspricht.

Doch zunächst machen wir unns auf in den Kiever Untergrund: Rund 100m führt die Rolltreppe hinab in einen dunklen Schlot, bedrohlich steil und bedrohlich schnell, da möchte man nicht hinabfallen. Doch zum Glück thront am unteren Ende eine kompent gelangweilte, adrett uniformierte Dame, die sicherlich in der Lage ist, einen jener drei vor ihr befindlichen Hebel zu betätigen und so die Rolltreppe so zum Stehen zu bringen – hoffen wir es.

Kurze Zeit später spuckt uns die U-Bahn wieder aus und wir nähern uns mental und körperlich Dusche und Bett. Als wir dann jedoch das Hostel in einer Privatwohnung im sechsten Stock eines desolaten Altbaus gefunden haben, werden wir schnell auf den ukrainischen Boden der Tatsachen zurückgeholt und jener ist rauh, sehr sehr rauh. „Begrüsst“ werden wir von der vemeintlichen Tochter der Hausherrin, die zunächst einmal verbal auf uns „einschiesst“ (daher vermutlich auch die treffende Namensgebung „Salve“): Rucksäcke abstellen, Schuhe ausziehen, Mund halten, in einer Reihe aufstellen und Fragen beantworten. Schnell wird klar: Duschen und Bett ist nicht, denn wir sind zu früh; Check-in ist erst um zwölf Uhr. Verschwitzt und müde wie eh und je geht es in Richtung Майдан Незалежності (dem Maidan Nezalezhnosti, dt: Unabhängigkeitsplatz).

Auf uns wirkt Kiev zunächst etwas surreal: Den Platz kreuzt eine grosse, breite Strasse, die Khreshchatyk, welche am heutigen Tage jedoch für Autos gesperrt ist und von hohen, teils alten, teils neuen Gebäuden umrahmt wird. Die Altbauten der Stadt sind wirklich schön, aussergewöhnlich hoch und repräsentativ, die Neubauten wirken jedoch wie deren unfreiwillige Karrikatur. Sie scheinen den traditionellen Stil imitieren zu wollen, wirken jedoch auf eine seltsame Art und Weise deplaziert und beschränken sich letztlich darauf, die Originale in ihren verspiegelten Fenstern wiederzugeben. Letztlich begegnet uns eine kuriose Mischung aus Alt und Neu, die in jedem Fall ungewohnt und interessant auf uns einwirkt. So auch die zahlreichen Bugs Bunnies, Schweinchen Dicks und Goofeys, die über den Boulevard stolzieren: Kostümierte, in der Hitze schwitzende Menschen, die uns zu einem gemeinsamen Foto animieren wollen. Heiko, David und Bugs Bunny in der gleissenden Sonne auf dem Unabhängigkeitsplatz, einst Schauplatz der orangenen Revolution. Willkommen in Kiev!

Am Nachmittag dann erkunden wir weiter zu Fuss die Stadt, es geht auf und ab, bis wir schliesslich auf eine Anhöhe gelangen, von der wir in die Ferne blicken können. Bis weit in die Ebene erstrecken sich Hochhaussiedlungen, die den rund 2,8 Millonen Einwohner_innen Kievs Platz bieten. Die Siedlungen sind durch den Fluss Dnipro von der Innenstadt getrennt, an dessen Ufern sich der sogenannte Hydropark erstreckt, angeblich DAS Ausflugsziel für junge Kiever_innen. Auch wir wollen uns den Park mal ansehen, doch zuvor entschliessen wir uns, ein kleines Fotoprojekt zu starten und die aussergewöhniche Schuhmode der Kieverinnen zu dokumentieren – einen kleinen Ausschnitt davon seht ihr in unserer Galerie:

Der Hydropark ist in der Tat gut besucht, doch neben überfüllten Stränden erwarten uns hämmernder Techno, Schiessbuden, verrostete Karusells und muskelbepackte Typen, die ihre Kräfte messen. Wir flüchten relativ schnell zurück in die Stadt und landen im „Nebos Raw Food Restaurant“, unmittelbar am Unabhängigkeitsplatz. Hier gibt es veganes Rohkostessen – sehr lecker und durchaus zu empfehlen, in einer Stadt, die sonst doch eher auf carnivore Kost setzt.

Der nächste Tag startet mit einem sehr langem Marsch zur „Mutter Heimat„, eine der grössten Statue der Welt. Die Statue, aber auch die angeschlossene Panzerausstellung, sowie das Denkmal über den Freiheitskampf der Ukraine wirken sehr patriotisch und martialisch auf uns, was durch die pathethischen Gesänge, mit denen aus zahlreichen Laitsprechern der Platz beschallt wird, nur intensiviert wird. Bemerkenswert sind sicherlich auch jene beiden Panzer unmittelbar vor der Statue, die bunt bemalt und bepunktet von den anwesenden Kindern als Spielplatz benutzt werden.



Unmittelbar neben dem Areal erstrecken sich zahlreiche goldene Kuppeln, die die Kirchen des Киево-Печерская лавра (dt.: Heiliges Mariä-Himmelfahrt-Kloster) krönen. Auf dem weitläufigem Gelände stehen zahlreiche Kirchen, die unter ihrem Fundament riesige Höhlensysteme verbergen. In den letzten Jahrhundertenhaben die dort lebenden Mönche Höhlen gegebraben um sich zum beten zurück zu ziehen und ihre verstorbenen Brüder beerdigen zu können. Die verwinkelten Gänge sind heute das Ziel zahlreicher Pilger_innen, die sich durch die engen, nur durch Kerzen und Öllampen erleuchteten Katakomben drängeln und an jedem mumifizierten Ordensbruder stehen bleiben und dessen gläsernen Sarg küssen. DIe Höhlen sind durch eine ganz eigenwillige Atmosphäre gekennzeichnet – tief religiös, doch zugleich aufgrund der Hast und der Enge nur wenig besinnlich.

Am Abend gehen wir schliesslich noch zum Михайлівський золотоверхий монастир (dt.: St. Michaelskloster) welches auf uns sehr eindrücklich wirkt. Zum einen schimmern die goldenen Kuppeln ganz wunderbar im Rot der Abendsonne, zum anderen findet grade ein Gottsedienst statt und die weihrauchgeschwängerte Luft, sowie die gesungenen Gebete ziehen uns tief in den Bann, gleichwohl wir danach unmittelbar ueber Religion und die damit verbundenen Probleme nachdenken. Ein ruhiger und nahezu besinnlicher Abschied von dieser Stadt, die rückblickend (wie auch das Land) leider nicht die unsere geworden ist.

// David
Ps: auf der Tastatur, auf der dieser Text entstand gibt es kein „ß“.

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2 Comments

  1. franka - 9. Juli 2013

    wie schön erzählt und fotografiert

  2. jens - 12. Juli 2013

    Was soll ich in den Urlaub fahren, ihr tut das ja für mich. Ihr schreibt so schön anregend, bebildert großartig (highheelsmäßig). Ich folge euch schon seit Krakau – und nun, öfters online, mit viel Sommerferien vor mir, meld‘ ich mich stets erholter. Bleibt so neugierig – und: wir lieben eure Playmobilfigürchen!! Go east, Ich bin dabei und herzlich mit euch. Jens

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