Georgien// Tbilisi – Tiflis: Willkommen im kulturellen und wirtschaftlichen Zentrum des Landes!

Georgien// Tbilisi – Tiflis: Willkommen im kulturellen und wirtschaftlichen Zentrum des Landes!

Am 11. Juli kommen wir nach einer knapp vierstündigen Fahrt mit dem Marschruthka verschwitzt und durchgerüttelt am quirligen, staubigen Busbahnof Didube in Tbilisi an. Hier ist es nochmals einige Grad heißer als in Kutaisi und die Hitze und unsere Rucksäcke drücken uns auf dem Weg zur Metro nieder. Ruckelig und laut scheppernd bringt sie uns bis zum Tavisuplebi Moedani – dem Freiheitsplatz – von wo aus es ein Katzensprung bis zu unser Unterkunft ist. Wir nächtigen im Why Not Hostel, welches sehr zentral gelegen ist und neben zwei niedlichen jungen Katzen, auf zwei Geschossen verteilt, einige schöne, aber leider – da unmittelbar unter dem Dach gelegen – stickige Mehrbettzimmer bietet. Die Stimmung im Hostel ist betont lässig und weltgewandt, die Sofas werden dauerhaft von mit allen Wassern gewaschenen Reisenden okkupiert, die eigentlich nicht viel mehr machen, als tagein tagaus im Aufenthaltsraum zu sitzen, Bier zu kippen und cool dreinzuschauen. Richtig wohl fühlen wir uns hier nicht, aber der Preis und die Lage sind schlagende Argumente für das Hostel.

Tbilisi ist mit seinen 1,2 Millonen Einwohner_innen mit Abstand die größte Stadt Georgiens, kulturelles und wirtschaftliches Zentrum des Landes und Zuhause knapp eines Viertels der gesamten Bevölkerung. Die Stadt ist auf trockenem, spärlich bewachsenem, hügeligem Gelände angesiedelt, rings um die Innenstadt finden sich die üblichen grauen Platten der CCCP-Aera, die aber nicht sonderlich ins Auge fallen. Breite Boulevards, wie die Rustavelli Avenue mit ihren repräsentativen Bauten zerschneiden die Innenstadt und können aufgrund des dichten Verkehrs häufig kaum oberirdisch überquert werden, weshalb es viele unterirdische, nach Urin stinkende Passagen, die fast immer von fliegenden Händlern okkupiert werden, gibt.

Grundsätzlich habe ich selten eine so fußgängerunfreundliche Stadt wie Tbilisi gesehen, der König ist hier eindeutig der Autofahrer. Auf den Strassen tummeln sich viele weitaus lässiger gekleidete, junge Menschen als in Kutaisi und die Sprachbarriere ist hier weniger offenbar, da viele, auch ältere Menschen zumindest einige Brocken Englisch sprechen. Bis spät in die Nacht, wenn die Temperaturen etwas angenehmer sind, sind die Menschen draußen unterwegs und bevölkern die Parks und Strassen oder lassen sich mit der Seilbahn auf den Festungsberg fahren, von wo aus man einen grandiosen Ausblick auf das Lichtermeer der Stadt hat, aus dem besonders prominent die goldenen Kuppeln der Tsminda Sameba Kathedrale hervorstechen.

Die Altstadt schmiegt sich an einen von der Festungsruine Nariqala gekrönten Berg und endet am Fluss Mtkvari. Die meist zweistöckigen Häuser sind teilweise extrem heruntergekommen, aber mit ihren vielen, immer einzigartigen Hinterhöfchen und holzgeschnitzten Verzierungen, bunten Glasfenstern, abgeplatztem Putz und weinumrankten Holzbalkonen wirklich sehenswert. Die engen Gassen winden sich auf und ab, ballspielende Kinder rufen uns „Gamajobat“ und „Hello“ zu, Wäsche flattert auf Leinen über der Strasse, weihrauchgeschwängerte Luft dringt aus den Kirchenportalen und zwischen den unkrautüberwucherten Steinen der Ruinen zirpen die Zikaden und sonnen sich streunernde Hunde. Es gibt auch ein paar Teile der Altstadt, die einer intensiven Restaurierung unterzogen wurden, doch leider haben Klinker und neues Strassenpflaster die engen Gassen häufig ihres Charmes beraubt und die kulissenhaft anmutenden Fassaden erinnern uns an Disney Land. Am Ufer des Mtkvari stehen, wie aus der Luft abgeworfen, einige interessante, futuristische Gebäude, die zuerst so gar nicht in das Stadtbild passen wollen. Doch der Kontrast zwischen ihnen und dem Rest der Stadt hat etwas ganz besonderes und insbesondere von oben, von der Festung aus betrachtet, gefaellt uns das Ensemble sehr gut.

Auf der einen Seite wirkt Tbilsi wohlhabend und insbesondere des Nachts, wenn die Gebäude hell illuminiert sind und der Fernsehturm auf dem Berg glitzert, gar verschwenderisch, doch immer wieder werden wir der Tatsache gewahr, dass auch hier der Wohlstand längst nicht alle Menschen erreicht hat. So gibt es kaum eine Metrofahrt auf der nicht mindestens drei Personen bettelnd durch die Wagen ziehen und kaum eine Unterführung, unter der nicht jemand um einen Lari bittend, ausharrt. Darüber hinaus wird klar, dass Georgien auch politisch keineswegs vollkommen stabil ist. Das Parlament, das zuletzt im Jahr 2003 von Buerger_innen im Zuge der Rosenrevolution erstuermt wurde, wird streng bewacht. Ein Blick auf eine Landkarte genügt um einen nach wie vor schwelenden Konflikt zu offenbaren: Der Krieg mit Russland im Jahre 2008 führte zum Verlust von zwei großflächigen Provinzen (Abachasien und Süd-Ossetien), die zwar auf internationaler Ebene nach wie vor Georgien zugerechnet werden, de facto aber Teil des russischen Staates geworden sind. Nach wie vor existieren Flüchtlingslager, die tausenden aus den abtrünnigen Provinzen emigrierten georgischstämmigen Südossetiern, bzw. Abachasiern, Obdach bieten. Ungeachtet all der mehr oder weniger augenscheinlichen Probleme, von denen wir sicherlich auch nur einen Bruchteil verstehen, gefällt uns Tbilisi ausgesprochen gut und wir fühlen uns wohl in der Stadt. Ein bisschen überdrüssig sind wir allerdings inzwischen der georgischen Kost, denn unsere Diät besteht primär aus Khatchapuri, Käse, Weißbrot, Tomaten, Gurken und Auberginen – alles stets sehr schmackhaft, doch so langsam wirkt das auf uns etwas einseitig. Gut, dass wir ein nettes Restaurant entdecken in dem es hervorragende Khinkali (Teigtaschen gefüllt mit Käse, Kartoffeln oder Pilzen) gibt.

Ansonsten verbringen wir einen großen Teil unserer Zeit damit durch die Stadt zu ziehen und die Atmosphäre auf uns wirken zu lassen. Eine Fahrt mit der Standseilbahn bringt uns in den auf einem Berg gelegenen Freizeitpark Mtatsminda, der abgesehen von einer grossartigen Aussicht auf die Stadt nicht viel interessantes bietet. Die Fahrt auf dem Riesenrad, das unmittelbar an der Klippe steht, und uns noch weiter in die Höhe bringt, ist jedoch zumindest für den höhenängstlichen David ein ordentlicher Adrenalinkick.

Ein Highlight unseres Besuchs in Tbilisi ist eindeutig eine Vorstellung im Marionettentheater Gabriadze. Das Stück namens „The autmn of my springtime“ (zum Glück versehen mit englischen Untertiteln) besticht mit wunderschön anzusehenden Puppen, einer kreativen Spielweise, einem tollen Bühnenbild, vielen Anspielungen auf georgische Geschichte und aktuelle Vorkommnissen (die wir mangels Hintergrundwissens leider nicht immer verstehen) und vielen Lieder, die die melancholisch-heitere Stimmung des Spiels unterstreichen.

Ein anderer Abend führt uns in die Schwefelbäder der Altstadt in denen wir uns in 46 Grad heißem, schwefeligem Wasser nicht grade erfrischen, welche aber auf jeden Fall mit ihrer islamisch inspierierten Architektur und allein der Erfahrung wegen einen Besuch wert sind. Für nur 10 Lari gönnen wir uns beide eine Massage, was ich zumindest in den ersten zwei Minuten bereue, da der drahtige Masseur kurzerhand mit seinen Füßen auf meinen Rücken steigt und Kraft seines Gewichts meine Knochen und Gelenke knacken lässt. Etwas wackelig auf den Beinen, aber doch ganz zufrieden verlassen wir das Bad.

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Wie bereits im vorletzten Bericht angedeutet führt uns am letzten Tag ein sehr ärgerliches Ereignis zu einem Besuch auf der Polizeiwache in Didube: Der Verlust unserer Kamera. Doch ungeachtet des so ärgerlichen Anlasses, verbringen wir einen durchaus amüsanten Nachmittag auf der Wache. Der ausgesprochen freundliche Offizier Vano ist sehr hilfsbereit und nimmt sich viel Zeit für unser Anliegen. Generell scheinen die Uhren hier recht langsam zu ticken und so braucht alles grudsätzlich viel Zeit, doch die Pausen zwischen dem Besuch des Tatorts und der Aufnahme des Protokolls, füllen wir mit Gesprächen über unsere Familien, Interessen und unsere Reise in Georgien. Schnell wird noch eine Wassermelone besorgt, die wir gemeinsam verspeisen und alsbald werden die Gläser und der Chacha aus dem Schrank geholt, damit wir auf unser Treffen anstoßen können. Irgendwie verrückt und in Deutschland undenkbar, doch auf jeden Fall eine schöne Erfahrung.

Nach unserem üblichen, langwierigen Entscheidungsprozedere, geht es am 14. Juli wieder zum Busbahnhof und wir lassen Tbilisi gen Osten fahrend hinter uns zurück…

//Heiko

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4 Comments

  1. Hélène - 24. Juli 2013

    Hey guys!!! Nice photos! We’re back in France now, and already miss Georgia… :(
    Can you write your posts in english for me please? Thank you.
    I’ll send you my photos as soon as possible!
    Gaumarjos!!

    • heiko - 9. August 2013

      Salut Hélène,
      Kirgistan is wonderful, however, we think a lot about Georgia, which is definetely a great place! And we miss Khachapuri and eggplants with walnuts – being a vegetarian in KZG is quite a challenge.
      We considered writing in English, but it consumes already too much time to do so in German…Anyway, Florian will probably translate the blog for you, won`t he? :)
      Gaumajos!

  2. Josi - 27. Juli 2013

    Frisch aus Lissabon zurück habe ich nun mal am Stück mehrere Eurer Reiseberichte gelesen! Ein Vergnügen! Ihr hab eine zweite Kamera? Und wollt Euch aber eine neue kaufen? Die Temperaturen in Portugal und Deutschland unterscheiden sich gerade nicht und so stromer ich auch gleich zum Werdersee!!
    Denke an Euch und verfolge natürlich die Berichte!! Sowie sich damit auch immer meine eigene Sehnsucht bündelt!
    Josi

    • heiko - 9. August 2013

      Hallo Josi,
      es freut uns von Dir zu hoeren und ich hoffe, du hattest eine wunderbare Zeit in Portugal, die deine Reisesehnsucht fuer den Augenblick zumindest ein wenig befriedigt hat!
      Nein, wir hatten lediglich eine Kamera dabei – was definitiv auch gut so ist, sonst haetten wir alles doppelt und dreifach fotografiert – und da diese fort war, mussten wir uns in Georgien eine neue zulegen, mit der wir zum Glueck vollkommen zufrieden sind.
      Ich hoffe, Du hattest einen guten Umzug und dass Du Dich in Deiner neuen Bleibe wohl fuehlst!
      Liebe Gruesse aus Osh!

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