Georgien // Borjomi-Vardzia-Tbilisi

Georgien // Borjomi-Vardzia-Tbilisi

Am 17.07. kommen wir in Borjomi an. Mit Borjomi verbindet man – zumindest hier, aber auch in vielen anderen ehemaligen Sowjet-Staaten – vor allem eins: Mineralwasser. Um das in Glasflaschen abgefüllte, schwefelig-salzig-saure Nass kommt wohl kein Georgienreisender herum. Klingt nicht lecker? Ist es unserer Meinung nach auch nicht…Wer aber wider Erwarten doch seine Geschmack am Wasser findet, kann seinen Durst in Borjomis Mineralwasser-Park ausgiebig stillen, wo man gegen eine kleine Eintrittsgebühr das angeblich heilsame Wasser in 10-Literkanistern abfüllen kann. Neben den Quellen gibt es im Park noch ein paar rostige Fahrgeschäfte und einen im Wald gelegenen, ziemlich veralgten Pool, in dem man im warmen Schwefelwasser dümpeln kann.

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Alles in allem bietet Borjomi unserem Geschmack nach nicht viel. Daher gehts am nächsten Tag auf nach Vardzia, einer Höhlenstadt etwa 150km südlich gelegen. Leo ist für diesen Tag unser Fahrer und Führer und lehrt uns auf der kurvenreichen Straße in seinem alten Lada-Jeep mit 100km/h und während halsbrecherischer Überholmanöver das Fürchten. Leos „Fahrkünste“ stellen alle unsere bisherigen Marschrutkafahrten in den Schatten und so manche Kurve wird zum Nahtoderlebnis. Sein zittrig-aufgekratzt-schwitziges Verhalten – das irgendwie nach Entzug aussieht – weckt nicht grade Vertrauen. Mit uns im Jeep sind zwei sehr sympathische Franzosen, Hélène und Florian, mit denen wir während des Ausflugs viel Spaß haben. Auf der Strecke machen wir mehrfach Halt, um uns u.a. das Grüne Kloster, eine Burg und die Altstadt Akhaltsikhes anzuschauen. Die sich um die Orte rankenden Erzählungen, von denen Leo zu berichten weiß, handeln zumeist von der in Georgien omnipräsenten Königin Tamara oder aber von Massakern, Märtyrertum und Kriegen. So beharrt er darauf, dass die roten Flecken auf den Steinen um das Grüne Kloster herum wahrlich das Blut der vierhundert von den Persern gemarterten Mönche sei.
Ist Borjomis Umgebung noch durch grüne, dichtbewaldete Berge geprägt, so finden wir uns nach einer knappen halben Stunde Fahrt in einer sehr trockenen von Schluchten und schroff aufragenden Felsen geprägten Halbwüste wieder. Nach knapp zwei Stunden Fahrt – einer laut Leo durchaus in der halben Zeit zu bewältigenden Strecke – erreichen wir Vardzia. Hoch über einen Fluss gelegen, ragt eine Steilwand auf, die auf einer Länge von mehreren hundert Metern von Höhlen durchlöchert ist. Bis ins 16. Jahrhundert waren diese Höhlen komplett vom Fels verborgen, doch ein Erdbeben zerstörte einen großen Teil der mehr als 600 Höhlen und legte Vardzia – bis dahin eine geheime Stadt – frei. Beherbergte die Stadt einst bis zu 50.000 Soldaten, die Georgien vor einem Einfall türkischer Truppen bewahren sollten, so sind heute nur noch acht Mönche übrig geblieben. Zwei Stunden kraxeln wir durch Höhlen, steile Treppenfluchten und über Balkone in luftigen Höhen, schauen in den Aufwinden segelnden Schwalben zu und sind beeindruckt von Vardzias Größe.

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Trotz aller Zweifel ob des Jeeps, kommen wir wohlbehalten und müde wieder in Borjomi an. Als Sia, die liebenswürdige Besitzerin unseres Homestays, herausfindet, dass wir georgische Musik mögen, trommelt sie schnell in der Nachbarschaft ein paar Kinder zusammen und ein kleines Privatkonzert mit Tanz und Gesang findet im Wohnzimmer statt. Allen voran wirbelt der kleine Otto, Sias Enkel, herum und stiehlt den anderen Kindern die Show. Zum Abschluss gibt es noch zwei hochprozentige Chacha. Was für ein schöner Abend!

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Am nächsten Tag reisen Hélène und Florian nach Gori ab, wir hingegen entscheiden uns für eine kurze Tour im nahegelegenen Borjomi-Charagauli-Nationalpark.
Die Tour führt uns am ersten Tag fast sechs Stunden bergauf, was ziemlich schlaucht, zudem es beständig regnet und wir unter unseren Goretexjacken sehr schwitzen. Der Pfad führt durch dichte Wälder, von den Fichtenzweigen hängen im Wind wehende Flechten, Nebel und tiefhängende Wolken wabern umher und lassen an den wenigen Stellen an denen der Wald sich öffnet, keine Fernsicht zu. Wir übernachten in einer unbewirtschafteten Hütte, die auf knapp 2000 Metern gelegen ist. Am nächsten Tag wandern wir gemeinsam mit Renate, einer niederländischen Studentin. Heute haben wir geniale Aussichten auf die bewaldeten Berge und die umliegenden Täler und begegnen keiner Menschenseele. Der Weg führt über wunderbare Almwiesen und über ein weitläufiges Hochplateau, auf dem viele vom Blitz getroffene, geschwärzte und abgestorbene Bäume stehen, wodurch sich hier eine ganz besondere Atmosphäre entwickelt. Nach einem langen Abstieg, der unsere Knie arg strapaziert, kommen wir wieder im Tal an und fahren per Anhalter zurück nach Borjomi. Alles in allem eine sehr kurze, aber lohnenswerte Wanderung!

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Unsere Tage in Georgien sind nun gezählt, darum machen wir uns nochmal auf nach Tbilisi, von wo unser Flug nach Almaty in Kasachstan starten wird. An unserem letzten Tag fahren wir ins Freilichtmuseum, wo heute ein Folklorefestival stattfindet. Durch einen glücklichen Zufall treffen wir dort Florian und Hélène wieder, mit denen wir gemeinsam den Abend verbringen. Verschiendene Gruppen führen traditionelle Tänze und Lieder auf und die Atmosphäre ist wirklich nett. Im Publikum sitzen viele junge Menschen, mal wieder ein Zeichen dafür, dass das Interesse an Traditionen in der Gesellschaft tief verankert ist und Gebräuche sehr präsent sind.

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Auf dem Rückweg in die Stadt begegnen wir zwei etwas bulligen Georgiern der Marke „besser nicht im Dunkeln treffen“. Doch wir täuschen uns, denn sie scheinen wirklich nett: wir kommen ins Gespräch und keine zehn Minuten später sitzen wir vier in Besos Auto, der uns ein Stück mitnehmen möchte. Es beginnt eine absurd-abenteuerliche Fahrt, während der sich Beso, der kaum ein Wort Englisch spricht und sein Hoodie tief ins Gesicht zieht, mit anderen Fahrern Rennen mit mehr als 100km/h durch das nächtliche Tiflis liefert. Erinnert ein bisschen and The fast and the furious – wären da nicht die Roxette-Schnulzen, die aus den Lautsprechern plärren, Beso, der sich an jeder Kirche dreimal bekreuzigt und Hélène, die auf dem Beifahrersitz gekonnt die Stewardess mimt. Aber auch diese Fahrt überstehen wir wohlbehalten und lassen den Abend mit Khachapuri, Khinkali und Chacha ausklingen.
Es waren drei wunderbare Wochen in Georgien, wir haben uns sehr wohl hier gefühlt, hatten wunderbare Begegnungen und haben faszinierende Orte und Landschaften gesehen. Nakhvendis (ნახვამდის) Georgien!

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