Kirgisien // Issyk Kul und Trekking zum Ala-Kul-See

Kirgisien // Issyk Kul und Trekking zum Ala-Kul-See

Nach knapp acht Stunden Fahrt mit dem Minibus, finden wir uns am 26.07. in Karakol wieder. Der Lonelyplanet, der selten um eine blumige Beschreibung verlegen ist, sieht in der immerhin viert groessten Stadt des Landes, eine kleine, reizende und lebendige Stadt, aber ehrlich gesagt, ist es ziemlich langweilig hier und es gibt nichts zu sehen. Einzig die Lage Karakols vor der Kulisse der hochaufragenden Berge des Tian Shan Gebirges ist wunderbar! Darueber hinaus haben wir ein echt nettes Homestay mit einer freundlichen Familie und einem schoenen Garten gefunden, dessen Zimmer frei nach dem Motto hauptsache bunt und gemustert eingerichtet sind.
Am Sonntag zieht es uns auf den grossen, woechentlich stattfindenden Viehmarkt, wo tausende Schafe mit unfoermigen, speckigen Hinterteilen (eine spezielle Zuechtung, die besonders viel Fett am Allerwertesten anlegen, welches zur Abrundung ALLER kirgisischen Speisen Verwendung findet – quasi der „Stich guter Butter“ der kirgisischen Hausfrau), Hengste, Stuten und Fohlen, Esel, Kuehe und – versteckt im hintersten Winkel des Marktes und nur direkt aus dem Kofferraum von russischstaemmigen, christlichen Russen verkaufte – Ferkel feilgeboten werden. Es ist sehr voll und die Menschen schieben sich ueber den grossen, staubigen, mit Kuhmist und Pferdeaepfeln uebersaehten Platz, auf dem die Tiere und Menschen Gassen bilden und mit Ziegen vollgeladene Anhaenger draengen sich durch die Menge. Wer will, kann sein neu erstandenes Pferd auch unmittelbar vor Ort beschlagen lassen und sich einen neuen Sattel zulegen. Ein uebereingekommener Handel wird in jedem Fall mit einem ordentlichen Glas Vodka besiegelt. Im Umgang mit den Tieren sind die alten und neuen Besitzer_innen keineswegs zimperlich und uns faellt es schwer einige Szenen, in denen aengstliche Tiere gezuechtigt und widerspenstige gepruegelt werden, zu ertragen. Natuerlich, das hier ist nicht unsere Welt und wir wissen, dass beispielsweise meine Grossmutter, die selbst Tiere hielt, einen solchen Umgang keineswegs unangemessen finden wuerde, doch wir selbst, finden es furchtbar. Wir fuehlen uns grundsaetzlich nicht ganz wohl, was vielleicht auch darin liegt, dass uns – anders als sonst – niemand anquatscht oder gruesst. Wahrscheinlich weil alle wissen, dass wir nur hier sind um zu gaffen und gewiss nicht um eine Kuh zu kaufen. Trotz allem war der Besuch auf dem Markt ueberaus eindruecklich…

Kurz danach ruesten wir uns aber auch schon fuer unsere mehrtaegige Wanderung, die uns zum Ala Kul (See) und wieder zurueck nach Karakol fuehren soll. Wir starten im wunderschoenen Karakol Tal und folgen mehrere Stunden stromaufwaerts dem Karakol Fluss, der mal breit und langsam maeandernd, mal schnell und ueber viele Kaskaden in Richtung des Issyk Kul fliesst. Nach einer Ueberquerung des Flusses steigt der Weg steil an und wir passieren einen harzig duftenden Wald und Wiesen in denen es laut summt und brummt. Zudem entdecken wir viele Murmeltiere, die ihresgleichen entweder vor uns oder den ueber unseren Koepfen kreisenden Adlern mit schrillen Pfiffen warnen. Der Tag endet an einem huebschen, klaren Gebirgssee, wo wir uns zur Belohnung selbstgekochtes Ashlanfu goennen (kalte Nudeln mit Gemuese in einer Essigsosse) und ein neugieriges Hermelin bis auf zwei Meter an uns heran kommt.

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Am zweiten Tag geht es steil bergauf und wir erreichen nach knapp anderthalb Stunden den auf 3560 Metern gelegenen Ala Kul See, der tuerkisblau schillert und eingerahmt von hohen Gipfeln atemberaubend schoen ist. Das Wasser spiegelt den Himmel wieder und so aendert sich die Farbe des Sees je nach Tageszeit. Am oestlichen Ende des Sees befindet sich ein Gletscher, durch dessen Abflusswasser sich die Oberflache des Sees an dieser Stelle hellgrau faerbt und in der Mischung mit dem restlichen Seewasser entfaltet sich hier ein schoenes Farbenspiel. Wir verweilen einige Zeit am See, machen uns aber irgendwann doch wieder auf um am suedlichen Ufer des Sees weiterzulaufen. Der schmale Pfad ist sehr steil und rechts geht es teilweise mehrere hundert Meter bis zur Wasseroberflaeche hinab, der Untergrund besteht zu Beginn meist aus grobem Geroell oder grossen Felsbrocken, wird aber je weiter wir fortschreiten immer haeufiger von sehr feinem Geroell auf dem man leicht ins Rutschen geraet, abgeloest. Insbesondere die letzte Stunde bis zum knapp 4000 Meter hohen Ala-Kul Pass, ist auf dem ausgesetzten Weg eine echte Herausforderung, die volle Konzentration erfordert. Doch auch das schaffen wir und so stehen wir bald auf dem windumspielten Pass, von wo aus man eine geniale Fernsicht auf die umliegenden Gipfel hat – einfach gigantisch! Wir entdecken aber zu unserem Unbehagen, dass es auf der anderen Seite verdammt steil bergab geht und der Weg zudem ueber eine grosse Schneewehe fuehrt. Nach einiger Ueberwindung geht es bergab, was viel leichter ist, als gedacht und sogar, da wir auf unserem Rucksack ein wenig in Richtung Tal rutschen koennen (soll man ja eigentlich nicht machen…), Spass macht. Ein bisschen stolz auf uns geht es weiter, da wir merken, dass die Dame in der Karakoler Touriinfo – die uns den Weg beschrieben hat – uns vollkommenen Humbug erzaehlt hat: Die zweite Tagesetappe solle knapp sechs Stunden dauern, doch inzwischen sind wir bereits bei mehr als acht unterwegs und es ist noch ein sehr langer Weg bis zu unserem heutigen Etappenziel. Da wir aber sehr erschoepft sind und vor allem mich seit dem Pass starke Kopfschmerzen plagen (zu viel Sonne? Hoehenkrankheit?), schlagen wir vorzeitig unser Lager auf. Die Kopfschmerzen sind zum Glueck recht schnell vergangen und so sind fuer diesen Abend unsere groesste Sorge die extrem penetranten und neugierigen Kuehe, die unser Zelt sooooo interessant und unsere Trekkingstoecke sooooooo lecker finden…

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Am dritten Tag folgen wir dem Tal weiter bergab und erreichen nach einigen Stunden und einigen Bachquerungen Altyn Araschan – der erste Ort, der wieder mittels eines Autos zu erreichen ist. Eigentlich wollen wir nur kurz in die (wirklich sehr) heissen Quellen huepfen und bei einer Familie, die hier den Sommer mit ihrem Vieh verbringt, Tee trinkt, doch wir entscheiden uns zu bleiben und verbringen den Nachmittag damit zu lesen und zu faulenzen. Eigentlich waren wir ja von der Familie zu traditionellen Horsegames eingeladen worden, doch irgendwie hatten sie uns zu unserem Bedauern, als sie ploetzlich losritten und wir noch im warmen Wasser duempelten, doch vergessen. Unser Bedauern dauert jedoch nur solange an, bis ein Sohn freudestrahlend auf seinem Ross heimkehrt und einen kopf- und beinlosen Schafskadaver vor der Tuer abwirft: den habe er gewonnen! Und uns daemmert, dass das Schaf nicht nur der Gewinn, sondern auch der Ball war, mit dem vom Pferderuecken aus hier Polo gespielt wird. Ehrlich gesagt – kulturelle Einfuehlsamkeit hin oder her – finden wir das ziemlich ekelhaft und unwuerdig, doch wissen wir auch darum, dass unser Konzept von Tierrechten und -wuerde hier auf grosses Unverstaendnis stossen wuerde, daher halten wir natuerlich unsere Klappe und machen einen Bogen um das am naechsten Tag ausgeweidet herumliegende Tier. Immerhin geht es den Tieren waehrend ihrer Lebenszeit hier in den Bergen scheinbar sehr gut: Auslauf soweit das Auge reicht, keine Zaeune und frisches Futter en masse. Gewiss wuerden die Kirgisen ihrerseits unsere Massentierhaltung ziemlich abstossend finden. Jedenfalls verbringen wir am Abend noch viel Zeit mit dem juengeren Sohn der Familie, der ein paar Brocken Englisch beherrscht, wunderbare Pantomimen ahmt, sehr neugierig ist und ziemlich aufgeweckt scheint und seiner Mutter, die Mathematiklehrerin ist. Waehrend des Sommers lebt die Familie auf den Weidegruenden, in den uebrigen Monaten aber bewohnt sie ein Haus in der Naehe Karakols. Ein bisschen Nomadentum ist ihnen geblieben, doch die Viehzucht allein scheint zum Leben nicht zu reichen. Leider scheitert ein tiefergehendes Gespraech an der Sprachbarriere – so ein Mist! In der Nacht liegen wir noch lange vorm Zelt um den wunderbaren Sternenhimmel zu betrachten, ich weiss uebrigens gar nicht mehr ab welcher Zahl ich es aufgab die Sternschnuppen zu zaehlen…

Am vierten Tag geht es nur noch bergab, durch ein enges Tal in Richtung Karakol. Der Weg ist ganz huebsch, aber etwas langwierig – ich erspare euch daher an dieser Stelle eine epische Ausbreitung! :)
Alles in allem: Eine geniale Wanderung! Kommt nach Kirgistan! Ihr werdet es nicht bereuen – zumindest diejenigen unter Euch, die gerne wandern, fuer alle anderen hingegen koennte es etwas langweilig werden, denn kulturell ist hier scheinbar ganz schoen wenig los.
Wir verbringen noch eine Nacht in Tosor, knapp eine Stunde von Karakol entfernt und unmittelbar am Ufer des Issyk Kul Sees gelegen. Der Issyk Kul ist nach dem Titicacasee der groesste Hochgebirgssee der Welt. Er ist ziemlich tief (ueber 600 Meter) und naehrstoffarm, was dazu fuehrt, dass das Wasser extrem klar ist, aber kaum ein Fisch im See lebt. Ausser Tourismus – an der Nordseite des Sees wohl ein grosses Geschaeft, hier auf der Suedseite kaum zu finden – und einer Teilverpachtung an das russische Militaer (fuer die U-Boottestung), ist der See, trotz seiner immensen Groesse, fuer Kirgistan wirtschaftlich wenig interessant. Dafuer ist er aber wirklich sehr schoen und auf 1800 Metern Hoehe war ich aber bisher auf jeden Fall noch nicht schwimmen. Das Wasser des spiegelglatten Sees ist, wenn auch nicht wirklich warm, nicht allzu kalt und eine willkommene Erfrischung bei der flimmernden Hitze. Der Sandstrand ist sicherlich nicht der Schoenste, aber die schneebedeckten Berge im Hintergrund machen das wett und nachdem am Abend die letzten Tagesgaeste verschwunden sind, ist es wunderbar ruhig hier.

//Heiko

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2 Comments

  1. Tatjana - 25. Mai 2017

    Hallo Heiko,
    Ich fliege in wenigen Tagen nach Kirgistan. Die Wanderung zum Alakul See hört sich super an. War der Weg einfach zu finden? Sind die Wanderwege ausgewiesen oder wie habt ihr euch orientiert? Lg Tatjana

  2. admin_David - 27. Mai 2017

    Liebe Tatjana,

    hoffentlich liest du unsere Antwort noch vor deinem Abflug! :-)
    Die Wege waren insgesamt recht einfach zu finden. Zum einen gut ausgetreten und zum anderen gab es in Karakol ein Informationscenter, wo es Kartenmaterial samt einer Beschreibung des Weges gab.
    Einfach mal CBT Tourism Karakol googeln.

    Eigentlich gibt es nur drei „knifflige“ Punkte, bei denen man den Weg verpassen könnte:
    1. Gleich zu Beginn des Karakol-Tals führt ein Weg rechts nach oben, einer bleibt im Tal. Man muss den unteren wählen und immer dem Fluss aufwärts folgen.
    2. Nach einigen Stunden muss man den Fluss an einer Brücke überqueren. Die Stelle ist ausgewiesen, der Weg damals aber recht versteckt. Es geht dann recht steil durch einen Wald bergauf.
    3. Auf dem Ala-Kul-Pass, den man passieren muss, lag damals noch einiges an Schnee, sodass es keinen sichtbaren Weg gab. Man musste dann durch das recht steile Schneefeld bergab rutschen.

    Liebe Grüsse und eine tolle Zeit in Kirgistan
    David

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