Kirgisien // Von Kochkor ueber den Irkeshtam Pass nach China

Kirgisien // Von Kochkor ueber den Irkeshtam Pass nach China

Nach wunderbaren Tagen auf dem Pferderuecken auf den Jailoos und am Song Kul, geht es erst einmal wieder zurueck nach Bishkek, da es leider keine direkte Verbindung zwischen Kochkor und Osh gibt. Das oeffentliche Verkehrssystem in Kirgisien ist in der Tat aeusserst duerftig und so fuehrt kein Weg (zumindest kein einigermassen preiswerter) um die Hauptstadt herum.

Auf dem Osh-Basar in Bishkek, von dem aus es weiter in die Stadt Bazaar Kogon gehen soll, machen wir einige nette Begegnungen: So treffen wir Nursultan, einen Polizeischueler, der uns ab dem 08.08. zu seiner Familie nach Jalal Abad einlaedt (was wir leider nicht annehmen koennen, da wir noch gedenken am 13.08. unseren Flug in China zu erreichen), einen Studenten, der sehr an Deutschland interessiert ist und sich fuer ein Stipendium dort beworben hat und Ulugbeg, einen ehemaligen Arzt, der in den 60er Jahren in Schwerin im russischen Militaerkrankenhaus gearbeitet hat. Mit Hilfe vieler Gesten und unserer rudimentaeren Kyrillischkentnissen verstehen wir, dass er damals schwer in eine Sabine vom Laden neben dem Krankenhaus verliebt war, mit der er gerne am Schweriner See spazieren ging um die Enten zu fuettern. Er fordert uns auf ihn beim naechsten Mal in Bishkek unbedingt zu besuchen und zeigt uns noch seine wohlgehuetet Sammlung von Euro-Meunzen. Schade, dass wir diese Bekanntschaften erst jetzt, wo bereits die Abreise ins Haus steht, schliessen!

Die naechsten zehn Stunden verbringen wir gemeinsam mit unserem Fahrer Eslem und einen weiteren Fahrgast namens Malik in einem Sammeltaxi auf dem Weg nach Bazaar Kogon in Sued-Kirgisien. Die beiden sind sehr sympathisch und trotz der Sprachbarriere haben wir eine gute Zeit gemeinsam – im Zweifelsfall einfach laecheln und den Daumen nach oben strecken! Die Fahrt fuehrt ueber eine spektakulaere Strasse mit Paessen ueber 3600 Metern, durch weite Taeler und enge Schluchten und vorbei an grossen Seen. Sued- und Nordkirgisien sind durch hohe Berge voneinander getrennt und obwohl die Regierung versucht die einzige relevante Verbindungsstrasse zwischen Bishkek und Osh das gesamte Jahr ueber offen zu halten, ist die Fahrt ab Oktober aufgrund von Lawinen und Steinschlaegen wohl sehr gefaehrlich. Dies fuehrt dazu, dass die beiden Landesteile recht isoliert voneinander existieren, was sich sowohl wirtschaftlich, politisch und kulturell bemerkbar macht. Unsere Fahrt gleicht im uebrigen ein bisschen einer Kaffeefahrt, denn wir halten staendig an, um beispielsweise Honig zu kaufen, Kymys und Kurut zu verkosten, etwas zu essen oder um in einem kleinen Fluss zu baden. Die Stopps sind aber keineswegs nervig, sondern machen die lange Fahrt zu einem lustigen und entspannten Ereignis.

Nach einem Umstieg in Bazaar Kogon und einer halsbrecherischen Fahrt mit 100km/h durch die Dunkelheit, waehrenddessen auf einem Monitor auf dem Amaturenbrett den Fahrer ablenkende Musikvideos flimmern, erreichern wir mitten in der Nacht Arslanbob.
Arslanbob ist bekannt fuer seine Walnusswaelder (angeblich hat Alexander der Grosse die Walnuss von hier aus nach Europa gebracht), die heiligen Wasserfaelle und seine ziemlich konservativ eingestellten, usbekischstaemmigen Bewohner_innen. Wir wohnen in einem wirklich schoenen Guesthouse, in dessem Innenhof viele Blumen bluehen und sich das Leben der Familie abspielt. Leider fuehlen wir uns hier nicht wohl und willkommen, man merkt, dass unsere Anwesenheit der Familie laestig ist. Vielleicht liegt es daran, dass in zwei Tagen das Ende des Ramadan und somit das Zuckerfest ansteht. Irgendwie verstaendlich, dass sie das Fest lieber im Kreis der Freunde und Familie begehen moechten, doch fuer uns ist das natuerlich eine unangenehme Situation. Darueber hinaus ist das Wetter mies und wir befinden uns eigentlich gar nicht in Wanderstimmung – nach fast drei Wochen Kirgisien sehnen wir uns nach urbanem Leben, das hier natuerlich ueberhaupt nicht zu finden ist. Daher reisen wir nach zwei Tagen und ohne viel von Arslanbob gesehen zu haben, wieder ab und erreichen knapp fuenf Stunden spaeter Osh.

Inzwischen haben wir uebrigens eine wichtige Entscheidung getroffen, mit der wir uns seit einiger Zeit herumgequaelt haben: Wir werden den geplanten Flug von Urumqi (Nordwest-China) nach Kunming (Suedwest-China) nicht antreten; zwar sind die Stornierungsgebuehren horrend doch es faellt uns ein Stein vom Herzen: Nun muessen wir uns nicht mehr hetzen um irgendwie rechtzeitig in Urumqi zu sein und haben zudem Zeit, um uns nach Herzenslust China anzuschauen, auf das wir inzwischen grosse Lust haben.
Osh ist ganz nett, aber ausser einem wuseligen Basar und einem heiligen Huegel mitten in der Stadt, gibt es nichts spannendes zu entdecken. Die Stadt wirkt recht entspannt und man mag kaum glauben, dass es noch vor drei Jahren hier zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Usbeken und Kirgisen kam; scheinbar brodelt es unter der Oberflaeche.

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Auf jeden Fall sind wir der langweiligen kirgisischen Staedte ueberdruessig, muessen aber noch bis Sonntag hier ausharren, da die Grenze zu China wenig komfortable Oeffnungszeiten hat: Am Wochenende: Geschlossen. An chinesischen Feiertagen: Geschlossen. An kirgischen Feiertagen: Geschlossen. Vom 1.05.-15.05.: Geschlossen. Bei Bauarbeiten: Geschlossen. Zwischen 11:30 und 13:30: Geschlossen. Zwischen 16:30 und 9:00: Geschlossen. Und irgendwann dazwischen ist sie wohl offen – hoffen wir. Die Oeffnungszeiten am chinesischen Grenzposten sind uebrigens auf Peking-Standardzeit ausgerichtet, d.h. sie schliessen zwei Stunden frueher als in Kirgisien. Nun, wenn das die Sache mal nicht einfacher macht…

Weiter geht’ s also am Sonntag mit einem Marschruthka hoch ins Gebirge, ueber Strassen, die halb von Steinlawinen begraben sind, bis wir vor der Kulise einiger 7000er Sary Tash erreichen, ein kleines Doerfchen in der Einoede. Hier machen wir Halt um am folgenden Tag per Anhalter die letzten 90 Kilometer über den Irkeshtam-Pass bis zur Grenze zurückzulegen. Um sechs Uhr geht es per Truck weiter und wir genießen den schönen Sonnenaufgang im Hochgebirge. An der Grenze warten wegen des Wochenendes und des Feiertags bereits dutzende LKWs auf die Ausreise, doch als Fußgänger können wir einfach an ihnen vorbeilaufen und passieren nach einem kurzen, unkomplizierten Ausreisecheck die kirgisischen Grenze. Hier treffen wir Sandro, Luzia und Christian, drei nette eidgenössische Rucksackreisende, mit denen wir bereits im Bus nach Sary Tash ins Gespräch gekommen sind, wieder. Die nächsten neun Kilometer durch das Niemandsland zwischen den beiden Staaten legen wir gemeinsam per Anhalter zurück und bald schon kommt der chinesische Grenzposten in Sicht…

Knapp drei Wochen Kirgisien liegen nun hinter uns und wir haben die Zeit hier zumeist sehr genossen. Die Landschaft ist wirklich atemberaubend, doch zum Schluss hin hat uns der Mangel an interessanten Städten und halbwegs gutem vegetarischen Essen etwas genervt. Nichtsdestotrotz ein geniales und spannendes Reiseland, das wir allen unter euch, die Berge, Abenteuer und das Wandern lieben, wärmstens ans Herz legen können.

//Heiko

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