China // Xiahe: Yak-Cappuccino und Gebetsmuehlen im Kloster Labrang

China // Xiahe: Yak-Cappuccino und Gebetsmuehlen im Kloster Labrang

Aus Fehlern lernt man! Oder etwa nicht…?!
Seit unserem Trip von Kashgar nach Ürümqi wissen wir, dass das Nachtbusfahren hier nicht so unser Ding ist, dennoch halten wir nun ein Ticket fuer den Nachtbus von Zhangye nach Lanzhou in unseren Händen.
Immerhin, die heutige Busfahrt ist um ein vielfaches angenehmer als die letzte: Die Pritschen sind zwar viel zu kurz (selbst fuer Heiko), aber zumindest frisch bezogen, die Klimaanlage laeuft und von ueblen Geruechen werden wir weitestgehend verschont.
Nach einer gar nicht so unangenehmen Nacht kommen wir in Lanzhou an. Von der Stadt sehen wir nicht viel, da wir sofort nach Xiahe weiterreisen, doch auf der Taxifahrt vom Ost- zum Suedbusbahnhof, wird uns klar, warum Lanzhou als eine der verschmutztesten Staedte Chinas gilt: Grauer Smog haengt schwer in den ueberfuellten Strassen und laesst die hohen Berge am Ufer des Yangtzes und die Hochhaeuser nur schemenhaft erscheinen, die Sonne wirkt kraftlos und fahl. Ein Glueck, dass wir nicht laenger hier bleiben, sondern sich der Bus bald aus dem Talkessel der 4-Millonenstadt heraus in Richtung der Berge bewegt.

Nach knapp sechs Stunden Busfahrt kommen wir in Xiahe an. Xiahe ist eine knapp 70.000 Einwohner_innen zaehlende Stadt am Rande der tibetischen Hochebene. Der auf circa 2900 Metern gelegene Ort gehoerte einst zur tibetischen Provinz Amado, ist jedoch heute Teil der chinesischen Provinz Gansu. Die Strassenschilder und Werbetafeln sind hier zweisprachig, sowohl in tibetisch, als auch in mandarin gehalten. Spätestens die weidenden Yaks und die hohe Dichte an Stupas macht klar, dass wir nun einen anderen Kulturraum betreten haben. Xiahe selbst ist nicht besonders aufregend und besteht im Grunde nur aus einer langen Strasse an der aufgereiht sich zig Restaurants und Laeden mit einer Mischung aus Dingen des täglichen Bedarfs, Antiquitäten, billigem Ramsch und religiösen Artikeln befinden. Im oestlichen Teil der Stadt leben Han-Chinesen und muslimische Hui, im westlichen hingegen die Tibeter. Dazwischen jedoch befindet sich der eigentlich Grund, warum man diesen Ort besuchen sollte: Das buddhistische Kloster Labrang.

Dass Xiahe eine Klosterstadt und ein bedeutender Pilgerort fuer tibetische Buddhisten ist, ist nicht zu uebersehen: Moenche in ihren rot-leuchtenden Kluften sind omnipräsent. Wir begegnen Pilgerinnen mit wettergegerbtem Gesicht, in weiten Röcken und bunten Hüten gekleidet und Nonnen in grauen Kutten. Geschäfte verkaufen Gebetsmühlen, Papiergeld und Räucherstäbchen.

Schon während der Busfahrt lernen wir Peter, einen sehr netten Studenten aus Magdeburg, kennen, der im gleichen Hotel wie wir absteigt und mit dem wir in den naechsten Tagen viel Zeit verbringen. Er hat einige Monate in China gelebt und ist auch sonst viel rumgekommen; es macht Spaß sich mit ihm auszutauschen und bei einer Kanne Milchtee zu quatschen.

Die Klosteranlage ist wirklich gross und beeindruckend. Das Gelaende ist von einer etwa drei Kilometer langen Mauer umschlossen, an der entlang die Kora, ein Pilgerweg, fuehrt. Auf etwa der Haelfte der Strecke sind hoelzerne, bunt lackierte Gebetsmuehlen angebracht, die die im Uhrzeigersinn um das Kloster herum laufenden Pilger_innen klackernd zum Drehen bringen. In jeder Trommel befinden sich Papierrollen auf denen Gebete oder Mantren geschrieben sind. Das Drehen der Trommeln soll Spiritualität und körperliche Aktivität vereinigen und die aufgedruckten Mantren – zumindest gemäß einer einzelnen buddhistischen Sichtweise – hinaus in die Welt und zu allen Lebewesen tragen.

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Das Kloster selbst besteht zu einem grossen Teil aus den eingeschoessigen Lehm-Wohnhaeusern der Moenche. Natuerlich ragen an mehren Orten im Kloster weiß gekalkte oder goldene Stupas auf. Die Tempel sind die hoechsten und prachtvollsten Gebaeude der Anlage und erstrahlen meist in leuchtenden Farben und werden von Pilger_innen, wie Mönchen im Uhrzeigersinn umkreist. Auf den Plätzen der Klosteranlage und in den engen, matschigen Gassen sind Mönche, Pilger_innen und viele Tourist_innen unterwegs. Gut gelaunte junge Mönche stehen plaudernd beisammen oder spielen Fußball. Nahezu jeder Mönch hier scheint mit einem iPhone oder einem anderen Smartphone ausgestattet zu sein. Wir sind uns ein bisschen unschlüssig, wie das mit dem Gebot des Verzichts auf materiellen Besitz vereinbar ist, können aber keine Antwort darauf finden. Mit einem Mönch namens Geden kommen wir ein bisschen intensiver ins Gespräch und wir fragen uns gegenseitig über unser Leben aus, bis er dem Ruf eines Gongs folgend zu einer Versammlung aufbrechen muss.

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In bestimmte Bereiche des Klosters gelangt man nur im Rahmen einer Fuehrung, die zwar ein Moench leitet, aber in Bezug auf ihren Informationsgehalt absolut vernachlaessigbar erscheint. Die Tempel sind von innen sehr schoen und ihre mit Stoffen und Wandteppichen verhangenen Hallen strahlen eine gedaempfte, ruhige Atmosphaere aus. Die Altäre sind prachtvoll und die Opfergaben zu Füßen der Statuen üppig. Pilger_innen entzünden Räucherstäbchen und verneigen sich vor den Buddhas. Mönche schlagen Trommeln und singen mit tiefer, monotoner Stimme Gebete, derweil draußen ein Horn zur mittäglichen Versammlung ruft. Wir fuehlen uns in dieser bedächtigen und tief religiösen Umgebung wie Eindringlinge und Unruhestifter. Einige Tourist_innen kennen scheinbar ueberhaupt kein Schamgefuehl und halten die Kamera auch auf Mönche, die vehement deutlich machen, dass sie nicht abgelichtet werden möchten und auch wir fuehlen uns schuldig, als ein Junge, den wir gerade fotografieren wollten, sich unter seinem Gewand versteckt. Grundsaetzlich scheint es den Moenchen nicht recht zu sein, dass die Touristengruppen durch ihr Kloster stampfen und ihnen bei allen Verrichtungen zuschauen. So gelassen und an Touristen interessiert sie auf den Straßen auch erscheinen mögen, so sehr scheint es etwas vollkommen anderes hier, innerhalb des Tempels zu sein – was wir durchaus verstehen koennen.

In Xiahe erhalten wir einen kleinen Einblick in die tibetische Kueche, die leider ueberaus fleischlastig ist und sich im Grunde auf ein zentrales Element reduzieren laesst: Yak. Dennoch gibt es auch ein paar vegetarische Dinge, wie zum Beispiel recht streng schmeckenden, aber leckeren Yakmilch-Joghurt mit Honig, gewoehnungsbeduerftigen, salzigen (Yak-)Buttertee, vegetarische Momos, sowie Tsampa, ein Brei, der aus geroestetem Gerstenmehl, welches mit (Yak-)Milchtee verruehrt, getrocknetem Yakkaese und etwas Yakbutter abgerundet wird. Darüber hinaus trinken wir Cappuccino (ein Laster, von dem wir nach wie vor nicht lassen können), der hier natürlich mit – richtig geraten – Yak-Milch zubereitet wird, aber trotzdem richtig gut schmeckt.

Am letzten Tag begegnen wir Tinichen, einen aus Xiahe stammenden Tibeter, der in den letzten Jahren in Lhasa lebte. Das wirklich schoene und interessante Gespraech mit ihm verwundert uns aber immer mehr, denn er erzaehlt ploetzlich sehr offen, fuer wie falsch er die Tibetpolitik Chinas haelt, dass er ein großer Bewunderer des im Exil lebenden Dalai Lamas sei und Tibet das Recht habe ein von China unabhaengiger Staat zu sein. Es wundert uns sehr, dass er solch gewagten Ansichten an einem Tisch in einem belebten Café derart offen thematisiert. Hat er keine Angst? Oder ist er gar ein Geheimpolizist, der unsere Gesinnung ausloten moechte? ;-) Nein, sicherlich nicht. Aber seine Offenheit beeindruckt uns sehr und wir hätten ein solches Gespräch in China nicht erwartet.

Nach drei Tagen verlassen wir Xiahe und das Kloster Labrang wieder in Richtung Lanzhou, von wo es weiter nach Xi’an geht…

//Heiko

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2 Comments

  1. Hellma - 17. Oktober 2013

    Super Beitrag mit echt schönen Bildern.
    Bitte mehr davon!
    Grüße Hellma

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