China // Xi’an: Alte Kaiserstadt zwischen Tradition und Mega-LCDs

China // Xi’an: Alte Kaiserstadt zwischen Tradition und Mega-LCDs

Es ist bereits nach ein Uhr in der Nacht als unser Bus endlich zum Stehen kommt und uns schlaftrunken mitten im Nirgendwo herauswirft. Eine Laterne beleuchtet die von zweigeschossigen, heruntergekommenen Haeusern gesaeumte Strasse spaerlich. Dies sei Xi’an, heisst es. Scheinbar hat der Bus uns mal wieder in irgedeinem Vorort herausgelassen. Nach einer fuer chinesische Verhaeltnisse suendhaft teuren Taxifahrt in die Innenstadt kommen wir im Hostel an, wo wir unmittelbar in den Tiefschlaf fallen.

Und wen treffen wir am naechsten Morgen auf der Treppe des Hostels? Peter – den wir ja bereits in Xiahe kennengelernt haben. Welch kleine Welt! Gemeinsam erkunden wir ein wenig die zur Gaenze von einer hohen Mauer umschlossenen Innenstadt Xi’ans. Das sogenannte muslimische Viertel mit einer grossen Moschee im Zentrum besteht aus niedrigen, eng beeinander stehenden alten Gebaeuden, von Baeumen gesaeumten Gassen und vor allem unzaehligen Restaurants und Essensstaenden, an denen die Verkaeufer_innen in tiefen, dampfenden Toepfen ruehren, das Oel im Wok laut zischt, Schafe gehaeutet werden und Flammen hoch aus Gasherden schlagen. Die verschiedenen Gerueche vereinen sich wie so oft in China zu einer wilden Mischung aus wohlduftendem, wie frisch gebratenem Gemuese und gedaempften Teigtaschen und stinkendem wie geronnem Blut und Abwasser. Wir probieren klebrig-süßen Sticky-Rice mit Trockenobst, gedaempfte Reisküchlein mit giftig-gruener Sosse, weichen, würzigen Tofu und handgezogene Nudeln in scharfer Bruehe. Die Strassen sind voll und hupende Rickshaws draengeln sich durch die Menschenmassen, eine Heerschar fliegender Haendler_innen versucht ihre Waren (alles Gucci, Rolex und The North Face…) an den Mann oder die Frau zu bringen, doch den Eindruck einer mehr als fuenf Millionen Einwohner_innen zaehlenden Stadt macht Xi’an bisher nicht auf uns. Erst als wir den zentralen, verkehrsumfluteten Platz mit Trommel- und Glockenturm erreichen, entdecken wir Xi’ans modernes Gesicht, das sich mit Neonreklame, Star Bucks und teuren Modelabels preasentiert.

Bald schon machen wir uns auf den Weg heraus aus der Innenstadt zur Wohnung unseres Couchsurfingpartners, wo wir die naechsten drei Naechte verbringen werden. Alan erwartet uns schon und nach kurzer Zeit merken wir, dass er trotz seiner zu Beginn etwas reservierten Art ein echt netter Kerl ist. Er unterrichtet an der Universitaet Englisch, spricht daher lupenreines Oxford-Englisch und lebt gemeinsam mit seinem etwas introvertiertem Sohn in einer grossen in westlichem Stil eingerichteten Wohnung. Es macht Spass sich mit Alan zu unterhalten und er ist ein aufmerksamer und interessanter Gespraechspartner. Er hat zwar einen kleinen Sauberkeitsfimmel – Nachts um zwei Uhr huscht er mit einem Wischmopp durch die Wohnung: „Excuse me, I have to mop…“ – aber ansonsten ist er ein super unkomplizierter Gastgeber.

Kulinarisch geht es uns in den naechsten Tagen richtig gut, denn Alan hat ein paar gute Tipps parat: Am ersten Abend fuehrt er uns in ein an einen buddhistischen Tempel angeschlossenes, vegetarisches Restaurant. Das Essen ist vielfaeltig und die sechs unterschiedlichen Speisen haben einen sehr feinen Geschmack. Besonders begeistert uns die Fuelle unterschiedlicher Konsistenzen der Speisen: Wabbelige Morcheln, knackiger Lotus, knuspriger Tofu, saftiger Seitan, buttrige Bohnen. Am folgenden Abend geht es in eine riesige, moderne Shopping-Mall – das wirkt nicht grade vielversprechend, doch in der obersten Etage haben wir unser bisher bestes und preiswertesten Essen Chinas. Bestes? Nein, phaenomenalstes! Sieben vollkommen unterschiedliche Gerichte bringen unsere Zungen zum Tanzen und wir sind seelig (und das alles fuer rund 5 Euro, incl. Getraenke!). Kulinarisch ist China bisher ein echtes Highlight und uns ueberrascht die Kreativitaet, Vielfalt und Raffinesse der chinesischen Kueche immer wieder.

Waehrend Alan tagsueber auf der Arbeit ist, laufen wir ein wenig durch Xi’an und treffen erneut Peter. In einem kleinen Museum nehmen wir an einer Teezeremonie teil, bei der wir lernen wie Oolong, gruener Tee und schwarzer Tee richtig aufgebrueht werden und koennen einige Sorten verkosten. In einem huebschen, japanischen Park, der tagsueber mit Vogelgezwitscher, nachts mit Grillengezirpe beschallt wird, entdecken wir ein niedliches Teehaus und goennen uns ein paar Stunden Auszeit – wie wir merken tun wir das haeufig zu selten. Das kann ja eigentlich kaum angehen, schliesslich befinden wir uns doch im Urlaub! Also ist zukuenftig die Devise ein paar Gaenge runterzuschalten.

Am Abend fuehrt uns Alan zur grossen Wildganspagode, die inmitten des Lichtermeers des neuen Xi’ans, das sich suedlich der Altstadt erstreckt und mit seinen Hochhaeusern, Shopping-Malls und glitzernden Neonreklamen einen so krassen Gegensatz zur Altstadt darstellt, aufragt. Auf riesigen LCD Displays an der Decke einer Mall erstrahlen Unterwasserlandschaften und herbstliche Waelder (Kitsch bei dem sich die Zehnaegel aufrollen, der aber ob seiner Groesse fasziniert!), schicke Bars reihen sich aneinander, aus dem Boden gestampfte Stadtviertel sind in grelle Lichter getaucht, nicht mal zwei Jahre alte, aber auf alt getrimmte Denkmaeler erzaehlen von Glanz und Glorie der jahrtausende alten Kaiserstadt Xi’ans, heroische Standbilder sind eingerahmt von hohen LCD-Saeulen ueber die hollaendische Tulpenfelder flackern und zwischen all dem scheint ganz Xi’an unterwegs zu sein. Ein Overkill an Eindruecken, der wohl demonstrieren soll was im neuen China moeglich ist. Oder zumindest sein kann. Wenn man denn das Geld dazu hat…Die chinesische Mittelschicht waechst bestaendig, doch die Schere zwischen arm und reich ist nach wie vor immens. Wanderarbeiter_innen verdienen haeufig nicht mehr als drei bis fuenf Euro am Tag – kaum vorstellbar, wie man damit hier ueberleben kann.

Kein Geld brauchen wir immerhin um das Peitschenkreiseln auszuprobieren: Eine Gruppe Spielender laedt uns ein, die Peitsche zu schwingen und mit ihr einen etwa kopfgrossen Kreisel anzutreiben – die Peitschen sind aus Leder und knallen ganz schoen laut; ein ziemlich martialisches Spiel! Die ungewohnte Bewegung ist anstrengend und fordert ihren Tribut: Heftigen Muskelkater im rechten Arm am naechsten Tag.

Nach vier entspannten Tagen in Xi’an und nachdem wir uns von Alan mit selbst gekochten thailaendischem Curry und Kaiserschmarrn mit Apfekompott bedankt haben, geht es weiter nach Pingyao.

Aber Moment mal! Etwas fehlt – denn alle, die an Xi’an denken, haben in der Regel vor allem eins vor ihren geistigen Auge: Die riesige Terrakottaarmee des Qin Shi Huang, des ersten Kaisers eines vereinten chinesischen Reiches. Doch grade dort waren wir nicht. Irgendwie stand uns einfach nicht der Sinn danach uns mit tausenden anderen Tourist_innen fuer 180 Yuan an den Statuen vorbeizuschubsen und wir denken, dass wir auf unserer Reise ja nicht alles mitnehmen muessen – auch wenn jeder Reisefuehrer noch so dringend dazu raet. Immerhin haben wir im historischen Museum ein paar Repliken der in der Tat beeindruckend detaillierten Statuen bewundern koennen und darueber hinaus ein wenig mehr ueber den historischen Kontext und die Gesichte des chinesischen Kaiserreichs erfahren koennen. Ehrlich gesagt mit fraglichem langfristigem Erfolg, denn die Flut der Informationen, die vielen Dynastien und Namen haben unsere Koepfe zum Rauchen gebracht. Aber in Pingyao, unsere naechsten Station, koennen wir unser Wissen gewiss testen, also auf zum Nachtbus!

//Heiko

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