China// Yangshou: Hello! Bamboo?! Let’s go!

China// Yangshou: Hello! Bamboo?! Let’s go!

Am 22. September kommen wir in Yangshou in der südchinesischen Provinz Guanxi an. Leider regnet es und das nicht zu knapp. Das schlechte Wetter hält zwei Tage an, doch wir wollen uns nicht beschweren, denn bisher hatten wir in den mehr als drei Monaten, die wir unterwegs sind, erst fünf Regentage – eine ganz schön gute Bilanz, wie wir finden. :-)

Yangshou ist eine kleine ganz und gar auf Touristen eingestellte Stadt, die aber trotzdem hübsch und nett ist – sofern man die mit lauter (und schlechter) Livemusik beschallten Pubs der Xi Jie meidet. Es gibt schöne Cafés, hervorragende Mango-Smothies, ein ziemlich gutes vegetarisches Restaurant und an jeder Ecke Stände an denen es allerlei leckeres Obst zu kaufen gibt: Pomelos, Mandarinen, Litschis, Mangos, Papayas, Ananas, Kokosnüsse, Mangosteen… Genial! Ein bisschen nervig sind lediglich die Bambusflößer, auf deren Flößen man sich flussabwärts treiben lassen kann und die einen an jeder Straßenecke mit den gleichen Worten anquatschen: „Hello! Bamboo?! Let’s go!“ – der Spruch wird für uns zum geflügelten Wort.

IMG_2013102011228

Das wirklich besondere an Yangshou ist die Landschaft in der es gelegen ist. In der Umgebung, aber auch mitten in der Stadt ragen hohe, mit Wald bewachsene Karststeinhügel aus dem Boden und bilden bizarre Formationen, die eine wunderschöne und – verstärkt durch den Nebel – nahezu magisch erscheinende Landschaft formen, die uns ein wenig an das Filmset aus „Avatar“ erinnert. Die markanten Formen der Hügel wecken allerlei Assoziationen, doch selten die, die die chinesische Tourismusbehörde vorgesehen hat, wie z.B. „Großvater der den Obstgarten bewacht“ (könnte auch eine Schildkröte sein) oder „Neun Tiger, die mit einer Kugel spielen“ (erinnert uns eigentlich ganz banal an Hügel). Trotz des Regens ist es auf jeden Fall richtig schön hier und insbesondere der Ausblick vom Mondberg ist wunderbar. Cool ist auch die charmante 72-jährige Dame, die Tag für Tag die über 700 steilen Stufen hier hoch erklimmt, um kurz vorm Gipfel Getränke zu verkaufen – das nenn ich mal rüstig!

IMG_2013102052950

Wir erkunden die Umgebung Yangshous zu Fuß und auf dem Rad und passieren an den Ufern der mäandernden Flüsse Li und Yulong kleine Dörfer und viele Obstgärten, in denen vor allem Pomelos angebaut werden. Auf den Reisfeldern wird gerade geerntet und im Schlamm badende Wasserbüffel beäugen uns kritisch. Die Bewohner_innen der Dörfer begrüßen uns lautstark und interessiert und wir empfinden die Menschen hier als freundlicher und entspannter als in Nord-China. Und wie schön, nicht ganz so viele Leute wie sonst wollen uns etwas aufschwatzen (eine Ausnahme bildet die Hello-Bamboo-Let’s-Go-Clique). Und wenn doch, so scheint die Bedeutung des Wortes „No“ hier besser verstanden zu werden als anderswo in China.

IMG_2013102010475

IMG_2013102046923

IMG_2013102055774

Doch Narr, oh wie leicht du dich irren kannst! Auf der Wanderung entlang des Li Flusses begegnet uns eine ältere Dame, die uns im Wald gepflückte Beeren anbietet. Argwöhnisch lehnen wir zuerst ab, da wir leider bisher allzu häufig in China die Erfahrung gemacht haben, dass nur selten etwas kostenlos ist. Aber scheinbar meint die Frau es wirklich gut und wir schämen uns ein wenig wegen unserer anfänglichen Skepsis. Die sehr freundliche Dame begleitet uns ein Stück. Bald erreichen wir ein Dorf, wo sie uns dann doch wenigstens ein paar Mandarinen verkaufen möchte. Aber okay, warum auch nicht? Wir haben eh Hunger und der Preis scheint fair. Ein paar Schritte weiter jedoch sollen wir zu vollkommen überteuerten Preisen bei einer Familie im Dorf etwas Größeres essen. Wir lehnen ab und die ach so freundliche Dame wird etwas lästig, denn sie verfolgt uns weiter und möchte uns nun eine unverschämt teure Bootspassage andrehen. Wir müssen den Fluss in der Tat überqueren, doch wollen eigentlich die reguläre, preiswerte Fähre nehmen. Der Fährmann kommt auch tatsächlich herbei, doch die keifende Oma – zu der sich inzwischen eine zweite gesellt hat, die zwei scheinbar ebenso blauäugige Touristen wie uns im Schlepptau hat – gibt ihm zu verstehen, dass er uns nicht übersetzen soll, da sie uns eigenhändig melken möchte. Brav macht sich der Fährmann mitsamt Fähre aus dem Staub und wir stehen mit den beiden Grazien da. Ätzend.

Da lächelt die Oma noch freundlich...

Da lächelt die Oma noch freundlich…

Diese Erfahrung – die natürlich nicht die einzige dieser Art bisher war und sicherlich nicht die letzte bleiben wird – stößt bei uns eine lange Diskussion über das Reisen an. Es ist extrem schade, dass man allzu oft nur als wandelnde Geldbörse wahrgenommen wird. Das führt dazu, dass wir ständig auf der Hut sind und manchmal sicherlich wohlwollende Menschen vor den Kopf stoßen, indem wir erstmal klären, ob es nicht doch einem kostenpflichtigen Haken gibt. Denn den gibt es leider ziemlich oft. Ehrliche Gastfreundschaft ohne dafür zu zählen, haben wir bisher selten erlebt. Andererseits, würden wir in Deutschland Fremde auf der Straße anquatschen und zu uns auf einen Kaffee einladen? Dennoch bleibt stets die Unsicherheit: Wer ist wirklich nett zu uns und wer ist es nur wegen unseres Geldes? Was ist ehrlich gemeinte Freundlichkeit, welches Interesse ist geheuchelt? Wer denkt sich, dass es ihn nicht die Bohne interessiert, woher wir kommen und ob uns sein oder ihr Land gefällt? Natürlich ist der Tourismus für viele eine wichtige Einkommensquelle und uns macht es nichts aus hin und wieder mehr als die Einheimischen zu zahlen, doch es macht uns unsicher und traurig sooft nur auf unser Geld reduziert zu werden. Dies wird höchstwahrscheinlich bis aufs weitere ein Problem bleiben, mal sehen, wie es uns weiterhin damit ergehen wird. Trotz alledem haben auf unserer Reise bereits sehr viele herzliche und freundliche Menschen ohne materielle Hintergedanken treffen können und das wollen wir auch nicht kleinreden. Und eine wirklich positive Erfahrung machen wir auch hier in Yangshou erneut, denn in einem kleinen Restaurant lernen wir Yuefang und Qiong kennen. Qiong arbeitet seit vielen Jahren in einem Krankenhaus und Yuefang studiert Internationale Wirtschaft in Wuhan. Wir verbringen zwei tolle Abende miteinander und unterhalten uns über das Reisen, das Leben in Deutschland und in China und Yuefang trinkt mit uns den ersten Cappuccino ihres Lebens – den sie bedächtig wie ein Dessert löffelt. Qiong spricht nicht ganz so viel Englisch, gleicht das aber mit ihrer wunderbar warmherzigen und interessierten Art vollkommen aus. Ein Jammer, dass sich unsere Wege so bald wieder trennen.

IMG_201310204241

Neben der wunderbaren Landschaft, gibt es in Yangshous Umgebung viele AAA oder sogar AAAA oder AAAAA+ gerankte Attraktionen – keine Ahnung, was dieses in ganz China verbreitete ominöse Ranking misst, jedenfalls hat eine ziemlich banale Kneipenstraße in Xi’an mit AAAAAAA selbst die Verbotene Stadt (AAAAAA) geschlagen. Die geschmackloseste „Attraktion“ hier (immerhin ohne A) scheint definitiv eine Miniaturwelt zu sein, in der man kleinwüchsige Menschen in Kostümen in Mini-Schlössern und Mini-Häusern begaffen darf. Immerhin hat das Ganze geschlossen, wir hoffen für immer.
Wegen des Regens besichtigen wir an einem Tag eine Tropfsteinhöhle (AAAAA), die das Potential hätte zu gefallen, doch wie so oft, haben wir die Rechnung ohne den chinesischen MASSEN-Tourismus gemacht: Durch eine extrem kitschig illuminierte Höhle, deren Tropfsteinlandschaften immer als irgendwas mit Feen oder Drachen bezeichnet wurden, drängen sich viele, viele Reisegruppen, die alle eine_n Reiseleiter_in haben, der oder die ins Mikrofon schreien, um den Besucher_innen die subtile Schönheit der Höhle nahezubringen. In den größeren Höhlen kann man sich fotografieren lassen und das Bild unmittelbar unter Tage ausdrucken lassen. Warum auch immer – auch hier wird geschrien. Später wird man noch durch drei Verkaufsräume geschleust – einer davon ist mitten in die Höhle gesprengt – bis man endlich im Museum landet, das sich jedoch auch als Shop offenbart und in einen Verkaufsraum mündet. Nach der Passage weiterer Edelsteinläden und Fressständen, nähern wir uns dem Ausgang, doch dort erwarten uns – richtig – noch mehr Verkaufsräume. So toll kann eine AAAAA Attraktion sein! Wir sind begeistert…

//Heiko

Author Bio

Leave a reply