China// Sieben Wochen im Reich der Mitte – ein Rückblick

China// Sieben Wochen im Reich der Mitte – ein Rückblick

China hat uns auf eine harte Probe gestellt.

Sieben Wochen haben wir nun dieses riesige Land erkundet, vom wenig erschlossenen Nord-Westen, durch die Wüste und Einöde, vorbei an tibetischen Klöstern, muslimischen Städten und pittoresken Altstädten bis zur dicht besiedelten Küstenregion und nach Peking, weiter in den Südosten ins großartige Hong Kong, das so gänzlich anders als Festland-China ist, dann wieder Richtung Westen in die entspannte Provinz Guanxi zu Reisterrassen und Karstfelsen.

Das Land des ewigen Lächelns und das sagenumwobene Shangri-La haben wir nicht gefunden. Dafür viel anderes – Schönes, wie Unschönes. Manchmal fanden wir China einfach zum Kotzen, manchmal richtig genial. Ein großer Teil der China-Reisenden denen wir begegnet sind, haben ähnliche Erfahrungen gemacht, ja, ein großer Spaß unter solchen, ist das „China-Bashing“, wo sich alle Beteiligten mal kräftig über die Unzulänglichkeiten und nervigen Dinge, die sie erlebt haben, aufregen. Und gewiss, es gibt viel Ätzendes in China. Doch wir wollen fair bleiben. Denn wie gesagt, China ist auch ziemlich toll.

Einige Dinge haben uns jedoch das Leben hier arg schwer gemacht: Die Ellbogen-Mentalität der Chines_innen war oft anstrengend. Ganz besonders beim Ticketkauf oder beim Einsteigen in ein Transportmittel scheint niemand Rücksicht zu kennen, wenn es um das Stillen eigener Bedürfnisse geht, hat das ICH (oder zumindest das WIR der Familie) Vorfahrt, egal wer unter den Rädern liegt. Desweiteren erschlug uns die bedingungslose Vermarktung und Erschließung der kulturellen Sehenswürdigkeiten und Naturschönheiten des Landes, was vielen Orten ihres Charmes beraubt hat. Natürlich ist auch das Gefühl in einem unfreien Staat unterwegs zu sein, der seine Bewohner_innen überwacht, versucht mit Propaganda einzulullen und unliebsame Personen verschwinden lässt, ein ungutes Gefühl. Dennoch versetzte es uns immer wieder in Staunen, dass doch einige Personen mit uns vergleichsweise offen über Probleme und das Demokratie-Defizit in ihrem Land sprachen.

Ein weiteres Problem war die Sprache – nie zuvor haben wir auf einer Reise die Sprachbarriere so ausgeprägt wahrgenommen, wie in China. Es ist schade, denn wir haben dadurch viele Gespräche und Gelegenheiten verpasst um China und seine Menschen noch intensiver kennenzulernen: Im Zug, im Bus, im Restaurant, auf dem Markt, im Taxi, auf der Straße – überall haben uns Menschen angesprochen und wollten mehr über uns erfahren und mit uns ins Gespräch kommen, was im Alltag leider selten über einen rudimentären Informationsaustausch und Zeichensprache hinausging. Nichtsdestotrotz ist die ausgeprägte Neugierde und Freundlichkeit der Menschen etwas, was uns schwer beeindruckt hat. Es ist ambivalent: wir haben hier viele der wohl liebenswürdigsten (Wie gern erinnern wir uns an Tinish, Iris, Alan, Ryo, Teh Hau, Yuefang, Qiong, die netten Mönche in Labrang, die Studentin aus dem Museum in Ürümqi, die herzlichen Mitreisenden aus unserem Abteil im Zug nach Beijing, lustige Taxifahrer und rüstige Marktfrauen, neugierige Kinder und die vielen anderen, tollen Begegnungen!), aber auch die nervigsten Personen unserer bisherigen Reise getroffen (darunter fallen beispielsweise auch die Menschen, die uns geschlagene zehn Stunden im Zug angafften). Wir haben festgestellt, dass Chines_innen in großen Gruppen extrem anstrengend und laut sein können, einzelne Menschen aber oft die Höflichkeit in Person. Aufgrund der Sprachbarriere ist das Reisen hier in China häufig nicht einfach. Sei es beim Ticketkauf oder auf der Suche nach einer Straße, an Informationen zu kommen ist ohne Chinesischkenntnisse oft frustrierend und anstrengend. Chinesische Wörter auszusprechen führt häufig auch nur zu Unverständnis beim Gegenüber, denn die Worte richtig zu betonenbetonen, klappt nur selten. Nichtsdestotrotz ist das Reisen ohne Sprachkenntnisse möglich, denn abgesehen von einigen Ausnahmen, wo es bei Fremden aus Prinzip einfach „NO“ hieß, gaben sich die meisten Leute redliche Mühe uns zu helfen.

Der freizügige Umgang mit Nasen-Rachen-Sekreten, derer viele Chines_innen sich, egal wo sie sich grade befindetbefinden, lautstark entledigen, hat uns oft angeekelt (insbesondere, wenn die Person sich mit der Hand schneuzt, mit der sie im Anschluss unsere Nudeln in eine Schüssel füllt). Hingegen hat uns das Leben in Chinas Parks, wo getanzt, gegessen und musiziert wird, sehr angetan. Hier fanden wir oft ruhige Oasen um uns von der Hektik zu erholen und entspannte, freundliche Menschen, die uns gern ein Lächeln schenkten.

Gefallen hat uns in China die große Vielfalt des Landes – landschaftlich, sprachlich, kulturell betritt man nach nur einer Nachtbusfahrt häufig gefühlt ein vollkommen anderes Land.
Wir waren immer wieder erstaunt über den Protz und Prunk, der in vielen Städten zur Schau gestellt wird, der wohl die rasante und beispiellose Entwicklung Chinas demonstriert, häufig auf uns aber deplatziert und maßlos wirkte. Der Streben zur Modernisierung scheint gewaltig, doch allzu oft bleibt etwas auf der Strecke: Die Schwachen, die Armen, die Andersdenkenden, die Altstädte, die Natur.

Das Essen Chinas muss natürlich auch Erwähnung finden: Manchmal für uns befremdlich und abstoßend, war die chinesische Küche für und oft eine Offenbarung und wir haben viele genial leckere  Dinge probiert. Als Vegetarier ist es manchmal nicht ganz so einfach hier zurecht zukommen (wieder die Sprachbarriere) und man darf manches Mal nicht zu tief in die Kochtöpfe aus der die angeblich fleischlose Suppe geschöpft wird, schauen. Die Reise hat uns in unserer vegetarischen Überzeugung definitiv bestärkt, denn der brutale und häufig erniedrigende Umgang mit Tieren und die schiere Menge an Fleisch, die hier verzehrt wird (die in Deutschland pro Kopf gerechnet sicherlich mindestens so hoch ist, aber hier wird man sich dessen beim Gang über den Markt noch bewusster – vielleicht keine schlechte Idee überzeugte Carnivoren, die nur in Plastik abgepacktes Fleisch kennen, mal auf einen solchen Markt zu schicken?!), war für uns ganz definitiv abschreckend. Trotz alledem ist Chinas Küche ganz klar ein Highlight für uns.

Bestimmt gibt es viele, die China ganz anders erleben als wir es taten. Wir sind nicht so maßlos und behaupten, dass unsere Berichte ein objektiven Eindruck Chinas vermitteln. Nein, es sind unsere ganz persönlichen und subjektiven Eindrücke, die wir hier schildern und wir wollen damit niemandem auf die Füße treten. Wir würden uns freuen zu hören, ob es denjenigen unter euch, die China bereist haben, anders oder ähnlich wie uns ergangen ist.

Wir sind froh China für den Augenblick hinter zu uns zu lassen, denn das Reisen hier war anstrengend, doch wir schließen keineswegs aus wieder herzukommen, denn es gibt noch vieles zu entdecken. Außer Indien hat kein Land bisher bei David und mir so widersprüchliche und konkurrierende Gefühle und eine solch ambivalente Faszination ausgelöst. Dennoch blieb die helle Begeisterung, wie wir sie beispielsweise in Indien erlebt haben, aus. Es war sehr gut hier zu sein, aber China wird wohl nicht zu unserem Lieblingsland werden.

In diesem Sinne: 再见 China! Xin chào Vietnam!

//Heiko

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5 Comments

  1. Steffen - 26. Oktober 2013

    Ehrliche und nachvollziehbare Worte. Aber sicherlich sitzen die beiden Figuren in Euren Bildern nicht zufällig Hand in Hand im Vordergrund. Klingt vielleicht gemein, aber letztlich sind Länder immer nur Kulissen für unser Leben. Die Akteure bleiben wir – und zwar im Vordergrund. Kompliment für Euer Durchhaltevermögen. Am besten gefielen mir bisher die Berichte aus Georgien. David, Dein Schreibtisch ist immer noch leer. Das L-Zimmer ist weiterhin vermüllt, die Becken sind verdreckt, Tassen stehen rum und ich bin morgens im Dunkeln über aufgetürmte Taschen geflogen.Meine Pinsel fehlen auch schon wieder. Kurz: Alles wie Du es kennst. Wir haben einen ruhigen goldenen Herbst in Berlin. Wirklich toll in diesem Jahr.

  2. David - 30. Oktober 2013

    Noch was passendes zum Umgang mit Tieren in China…leider selbst gesehen:
    http://www.zeit.de/wissen/2013-10/schildkroete-schluesselanhaenger

    // David

  3. Steffi - 30. Oktober 2013

    Danke für die Ausführungen zum Nasen-Rachen-Sekret! Love it! :)

    • heiko - 5. November 2013

      Gern geschehen! Hab natuerlich extra an dich dabei gedacht und werde dir daheim noch viele andere Details erzaehlen koennen, wenn Bedarf besteht… ;)

  4. jens - 3. November 2013

    November – und immer noch nasen-rachen-sekret-, also erkältungsfrei … wir drei Gülser melden uns zurück, vegetarisch-glücklich, folglich tierliebend, den chinesischen Ellenbogen (aber nicht nur den) verschmähend, wie auch den kapitalistischen Kommunismus (es lebe also das ICH und seine Lust an der egozentrischen Macht; im Grunde nichts Neues für uns Westler…aber: Schön mal wieder in eure „einfach geniale“ Wort- und Bilderwelt einzutauchen.- Deutschland ist novembrig dunkel, grüßt die Welt, demnächst Vietnam. In Love.

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