Vietnam// Hoi An: Hafenstädtchen im Taifun Nari

Vietnam// Hoi An: Hafenstädtchen im Taifun Nari
*** Wir wissen, dass der Bericht mit Blick auf den Taifun Haiya, der auf den Philippinen gewuetet hat vielleicht zu einem etwas falschen Zeitpunkt kommt und die Dramatik mit unseren Erlebnissen in keinster Weise zu vergleichen ist. Wir sind betroffen von den Ereignissen und dem Leid der Menschen auf den Philippinen und hoffen ausserdem, dass der Sturm die vietnamesische Kueste nur stark abgeschwaecht erreichen wird. ***

Norden? Sueden! Norden? Sueden!

Mal wieder dauert es Stunden, bis wir unseren Entscheidungsprozess vorantreiben und uns endlich auf eine Himmelsrichtung festlegen koennen. Schliesslich werden wir in suedlicher Richtung weiterreisen und hoffen, dass sich der Taifun Narin, der sich da gerade ueber dem Meer zusammenbraut, doch noch seine Richtung aendert oder, besser noch, die Kueste erst gar nicht erreicht.

Mit dem Nachtbus geht es nach Hue, eine nette kleine Stadt mit einer grossen vegetarischen Esskultur, was sich in den zahlreichen vegetarischen Restaurants niederschlaegt. Gut fuer uns, und so geniessen wir leckeres Essen und fahren ausserdem mit der Fahrradrikscha durch die Altstadt Hues‘, die, umgeben von den Mauern der alten Zitadelle, ein lohnender Ausflug fuer einen Nachmittag ist. Auch die verbotene Stadt – ein ruhiger Ort im Vergleich zum grossen Bruder in Peking – ist sehenswert, sogleich zahlreiche Gebaeude von den Amerikanern zerbomt wurden und heute, von roten Flechten ueberwuchert, auf den Wiesen stehen.

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Und Narin? Zieht weiterhin in Richtung der Kueste und am fruehen Abend faengt es dann auch schon an zu schuetten, erste Anzeichen dafuer, dass da etwas im Anmarsch ist.

Rund zwoelf Stunden spaeter, unser Bus fahert durch stroemenden Regen in Richtung Hoi An, hoffen wir noch immer auf eine Wetteraenderung, denn Hoi An verspricht eine friedvolle Kuestenstadt mit traumhaften Straenden und Palmen zu sein. Ideal zum Entspannen, denn noch immer muessen wir uns von China erholen!
Doch schon in Da Nang, etwas weiter noerlich gelegen, zeigt sich, dass wir die Rechnung ohne Narin gemacht haben. Unser Bus faehrt an der Kueste entlang und was sich dort neben uns auftuermt sieht wahrlich bedrohlich aus: Hohe, braune Wellen peitschen gegen den Sandstrand und die Palmen biegen sich bedrohlich im Wind.
In Hoi An windet es schon gewaltig, als wir uns auf die Suche nach einer Bleibe machen und schliesslich im Loc Phat Homestay landen, das von der aeusserst charmanten und freundlichten Linh gefuehrt wird. Sie brieft uns, wie wir uns beim Sturm verhalten sollen, sprich, noch flott etwas zu Essen besorgen und dann das Zimmer nicht mehr verlassen. Ein guter Rat, denn etwas spaeter am Abend sitzen wir bei Kerzenschein – der Strom ist bereits weg und bleibt es auch in den folgenden Tagen – in unserem Zimmer und horchen dem Peitschen des Sturmes. In der Nacht rast der Taifun Nari ueber die Kuestenregion und verwuestet grosse Teile von Hue, Da Nang und Hoi An.
Am naechsten Morgen dann, breitet sich die sprichwoertliche „Ruhe nach dem Sturm“ ueber Hanoi aus und wir laufen durch die verwuesteten Strassen (auch wenn man ganz klar sagen muss, dass es Vietnam nicht ansatzweise so bitter erwischt hat, wie gegenwaertig die Philippinen). Entwurzelte Baeume und Palmen, abgetragene Daecher, Stromkabel, die im Wind schlingern und klackernde Wellblecher, die im Wind zappeln.
Die Bewohner_innen der Stadt begutachen die Schaeden und schon kurze Zeit spaeter beginnen sie, der Alltag muss zurueckkehren, mit den Aufrauemarbeiten. Als wir zurueck in unserem Hotel sind, koennen wir und die anderen Gaeste ein wenig mit anpacken und zusammen mit Linh und ihrer Familie die zahlreichen entwurzelten Palmen zersaegen und vom Grundstueck schleppen. Linh, und das ist schlichtweg verblueffend, hat noch immer ein stetes Laecheln im Gesicht und sagt voller Optimismus, dass es doch immer noch schlimmer haette kommen koennen. Diese positive Grundeinstellung ist etwas, das uns hier in Vietnam haeugfiger begegnen wird und das einen Grossteil der hiesigen Bevoelkerung schlichtweg sehr, sehr liebenswert und offenherzig macht.
Hoi An sieht in diesen Tagen sicherlich ein wenig anders aus als sonst: Zerfezte Lampions haengen in den Baeumen, Hochwasser breitet sich in den Strassen aus und alles liegt unter einer Schicht von Blaettern, die der Wind mit sich getragen hat, begraben. Und doch wird deutlich wie charmant und schoen diese Stadt doch eigentlich ist, mit ihren engen Gassen, der japanischen Bruecke, den Gemeinschaftshallen und den farbenfrohen Anstrichen der Haueser. Und ganz langsam entwickelt sich Hoi An in diesen Tagen auch zu dem zurueck, was es eigentlich ist und wir freuen uns, den Charme dieser Stadt erfahren zu koennen und – wie kitschig – eine Laterne auf dem sudeligen Hafenwasser fahren zu lassen.
Daneben bestreiten wir hier dann auch das erste mal auf dieser Reise eine Cooking Class und lassen uns in der „Morning Glory Cooking School“ in der vietnamesischen Kueche unterweisen. Nach einer Markttour geht es in die Kueche der Schule, wo man dann vier Gerichte (Mango-Papaya-Salat, eine Suppe mit Tofu und Kohl, marinierter Tofu und Kokospfannkuchen mit Krauetern an bitterer Banana und Sternfrucht) zubereitet. Das ganze ist extrem professionell aufbereitet und dadurch auch etwas unpersoenlich. In der Klasse sitzen 28 Teilnehmer_innen, die auf die Koechin blicken und zuschauen, wie diese die Gerichte kocht. Das ganze aehnelt ein wenig einer Homeshopping-Europe-Veranstaltung, immerhin muessen wir die Kuecheuntensilien nicht kaufen. Eigentlich macht es auch durchaus Freude und die Gerichte sind wirklich lecker, aber gekocht haben wir sehr wenig, denn alle Zutaten sind bereits vorportioniert und unser Tun beschraenkt sich ein wenig darauf, die Zutaten zu den jeweils richtigen Zeitpunkten in die jeweils richtigen Toepfchen und Pfaennchen zu geben. Naja…
Und sonst? Konnten wir die Straende doch noch ein wenig geniessen und ausserdem einen Ausflug nach My Son unternehmen. Mit unserem Roller geht es 60 Kilometer durch laendliche Gebiete, bis irgendwann die Ruinen der Tempelstadt My Son auftauchen. Zwischen dem 2. und 3. Jahrhundert entstand in der hiesigen Region die Cham-Kultur, die vor allem durch eine hinduistische Glaubensvorstellung gepraegt ist. Rund 70 Tempel lagen in dem waldigen, huegeligen Gebiet, wurden aber 1969 im Vietnamkrieg von US-Bombern groesstenteils zerstoert. Es ist immer wieder erschreckend und schmerzvoll zu sehen, wie sehr ein Krieg eine Gesellschaft veraendert, wieiviel Leid und Schrecken zurueckgelasen wird und wieviel kulturelles Gut unwiederbringbar zerstoert wird.
//David

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