Kambodscha// Phnom Penh: Die Roten Khmer und das Lächeln des Königs

Kambodscha// Phnom Penh: Die Roten Khmer und das Lächeln des Königs

Raus aus der idyllischen Insel-Einsamkeit und via fünf Stunden staubiger Piste hinein in den schwülen Grossstadttrubel! Allerdings fällt der Wechsel bei Phnom Penh gar nicht so schwer, da die 1,5 Millionen Einwohner_innen zählende Hauptstadt Kambodschas in einem für asiatische Verhältnisse recht entspannten Tempo pulsiert.

Die Augen quellen uns beim Spaziergang durch die Innenstadt nicht grade über, aber es ist doch ganz nett hier: Es gibt ein paar sehenswerte Tempel, schattige Alleen mit entspannten Cafés und eine breite Uferpromenande von der aus man den Blick über den Koenigspalast und den Zusammenfluss von Tonle Sap und Mekong – eine seegroße, schokobraune Wasserfläche – schweifen lassen kann. Mönche in orangefarbenen Kutten, Strassenstaende, Baustellen und das allgegenwaertige Portrait des kürzlich verstorbenen König Sihanouk prägen das Stadtbild. Der immer lächelnde König erfreute sich immenser Beliebtheit und ist für Kambodscha eine zentrale Figur des Neuanfangs nach dem Genozid durch die Roten Khmer (s.u.). Doch sein Nachfolger und Sohn könnte vielleicht das Ende der kambodschanischen Monarchie darstellen, denn er ist selbst bereits jenseits der 60 und nach wie vor kinderlos.

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Wir stellen erneut fest, dass das Reisen in Kambodscha nicht besonders preiswert ist. Auf den Märkten gibt es zwar super günstiges Essen, doch irgendwie scheint so gar nichts vegetarisches dabei zu sein. So bleibt uns kaum etwas anderes übrig, als in touristische Restaurants zu gehen – und die sind leider echt nicht preiswert. Man kann es nicht anders sagen, aber das Vegetarier-Dasein ist bisweilen nicht ganz leicht. Trotzdem ist unsere Überzeugung diesbezüglich selten so stark gewesen, wie während unserer Reise.

Tief bewegend ist der Besuch des ehemaligen Gefängnisses Tuol Sleng, auch S21 genannt. Ehemals eine Schule, wurden die Gebäude während der Herrschaft der Roten Khmer in ein stacheldrahtbewehrtes Gefängnis umgewandelt. An diesem grauenhaften Ort kamen mehr als 20.000 Menschen um – darunter „dank“ der Sippenhaft auch zahlreiche Kinder. Die meisten Insassen wurden auf den sogenannten Killing Fields, einige Kilometer außerhalb der Stadt gelegen, ermordet und verscharrt. Weil Munition zu teuer war, wurden viele Opfer nicht erschossen, sondern qualvoll mit Bambusstöcken zu Tode geprügelt. Die Klassenräume der Schule wurden durch Bretter- oder Ziegelverschlaege in winzige Einzellzellen oder grössere Sammelhaftzellen unterteilt. In Gebäude A befanden sich Zellen für die Sonderbehandlung, wo Insassen an Betten gekettet zu Tode gefoltert wurden. Ebenjene Betten stehen noch heute dort und die Blutspuren am Boden und grausige Fotos zeugen von den Schrecken, die hier stattfanden und den Besucher_innen den Atem verschlagen. Die Grausamkeit mit der die Roten Khmer einen Krieg gegen das eigene Volk führten ist kaum zu erfassen. Binnen etwas mehr als drei Jahren ermordeten sie unter der Fahne einer auf die Spitze getriebenen sozialistisch-kommunistischen Ideologie auf dem Weg zum Bauernstaat mehr als zwei Millionen Menschen (bei einer Gesamtbevölkerung von etwa zwölf Millionen) – insbesondere Intellektuelle galten zu dieser Zeit als Volksfeinde (nicht nur ein akademischer Abschluss, sondern bereits das Beherrschen einer Fremdsprache und sogar das Tragen einer Brille galt als intellektuell und somit verdächtig) – und siedelten Millionen Stadtbewohner_innen zwangsweise aufs Land um und zwangen sie zu Sklavenarbeit. Auch nach der Befreiung durch die vietnamesische Armee spielten die Roten Khmer noch lange eine Rolle in der kambodschanischen Politik. Die Fuehrer_innen dieser Diktatur sind entweder, wie Pol Pot, bereits tot oder verbringen hochbetagt und unbehelligt ihren Lebensabend, da die kambodschanische Justiz es bisher nicht geschafft hat – bis auf drei Ausnahmen – ihnen einen Prozess zu bereiten. Wie lange braucht es bis die Wunden eines solchen Schreckens verheilen? Wie sehr hat dieser Genozid und der damit verbundene Verlust nahezu aller Ärzt_innen, Lehrer_innen, Ingenieur_innen etc. das Land zurückgeworfen? Wann wird Kambodscha seine Geschichte wirklich aufarbeiten können? Wie können sich Peiniger und Gepeinigte je wieder in die Augen sehen?

Neben diesen schrecklichen Eindrücken, machen wir zum Glück auch noch eine sehr positive Erfahrung in Pnomh Penh: Wir treffen Ha Wei, eine Bekannte von David, die er bei seinem ersten Besuch hier, vor drei Jahren, kennengelernt hat und die spontan Zeit hat, sich mit uns zu treffen.

Ihr Name, erklärt sie uns, klinge nicht nur wie „Hawaii“, sondern meine genau diese Pazifik-Insel. Für gewöhnlich werden Khmer-Mädchen nach Blumen oder hübschen Vögeln benannt, was ihren Großvater jedoch bewogen habe ihr grade diesen Namen zu verpassen, wisse sie nicht, klar sei jedoch, dass er stets auffalle und Gesprächstthema sei. Ha Wei ist einfach super nett und lustig und eine echt interessante Person, die neben ihrem Studium in einer NGO, die sich für das Wohl benachteiligter Jugendlicher einsetzt, arbeitet. Das Leben hier in Kambodscha ist für viele, wie wir natürlich Tag für Tag auch auf der Straße sehen, nicht leicht. Nicht nur, dass Millionen von Blindgänger oder Landminen nach wie vor viele Menschen ums Leben oder zumindest um Arme oder Beine bringen, sondern auch ein korrupter Staatsapparat, eine hohe Inflation und Kostensteigerungen fordern ihren Tribut. Auch Ha Wei muss hart arbeiten: Nach mehr als acht Stunden Arbeit in der NGO, wo sie ein bisschen Geld verdient, folgt am Abend das Studium, ihre Zukunftsanlage – Freizeit hat sie unter der Woche daher kaum. Wir lernen im Gespräch mit ihr vieles über den Alltag und das Leben in Kambodscha und die Mentalität der Bewohner_innen. Wie schön, denn bisher haben wir es leider nicht geschafft mit Kambodschaner_innen in ein längeres Gespräch zu kommen. Das liegt zum einen natürlich an der Sprachbarriere, zum anderen vielleicht auch daran, dass die Menschen hier viel zurückhaltender als beispielsweise die Vietnames_innen sind, wenn man ihnen auf der Straße begegnet.

Grundsätzlich diskutieren David und ich lange darüber was wir von einer Reise wie der unseren in punkto Kontakt zu Einheimischen überhaupt erwarten können. Wir haben auf unserer Reise bereits sehr viele interessante Gespräche mit Einheimischen geführt, wunderbare Bekanntschaften geschlossen und sind oft offenherzig begrüßt worden. Doch auch wenn das manchmal ernüchternd und schade ist: Wir sind selten mehr als Beobachter, die vieles nicht sehen und von dem, das sie sehen, vieles nicht verstehen. Wie können wir auch nur erwarten mehr als nur einen überaus flüchtigen Einblick in das Leben und den Alltag der Menschen eines Landes zu erlangen? Wie kommen wir auf die von Reiseführern geschürte Wahnvorstellung, dass uns ein jeder mit einem Lächeln und einem selbstgebrannten Schnaps empfangen sollte, Tür und Tor für uns öffnet und uns am besten noch ein traditionelles Tänzchen vorführt? Nicht, dass wir das noch nicht erlebt hätten – aber natürlich kann das nicht die Regel sein und natürlich werden wir auf einer Reise wie der unseren, nur ganz selten jenen Beobachterstatus verlieren. Auch wenn wir versuchen uns viel Zeit für die einzelnen Länder zu nehmen (Kambodscha ist da nun leider ein schlechtes Beispiel…), sind ein paar Wochen natürlich viel zu wenig um auch nur ansatzweise in eine fremde Kultur einzutauchen. Und – wir stellen es immer wieder fest – ohne Sprachkenntnisse geht sowieso fast überhaupt nichts.

Inzwischen haben wir den 06. November und es geht weiter, immer dem Touristenstrom hinterher, vorbei am Tonlé Sap bis nach Siem Reap und zu den Tempelstädten Angkor Wats.

Und sonst: Ein neuer Gipfel der Geschmacklosigkeit ist erreicht. Man kann sich von jedem Tuk-Tuk-Fahrer in Phnom Penh zu einem Schießstand fahren lassen, wo man gegen Bares mit Panzerfäusten oder anderen Großkalibern auf festgezurrte Rinder, Hunde, Hühner etc. schießen kann. Die Fahrer unterstreichen ihr Angebot meist mit einem verschwörerischem Augenzwinkern und dem pantomimischen Nachladen eines Gewehrs … Gibt es wirklich Touris die sich spontan denken „ach, cool,heut Nachmittag hab ich noch nichts vor – das wär doch mal was für mich!“ und dann eine Kuh abknallen fahren??? … … Da fehlen mir einfach die Worte … …

//Heiko

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