Kambodscha// Angkor Wat: Vom bröckelnden Prunk der einstigen Megacity

Kambodscha// Angkor Wat: Vom bröckelnden Prunk der einstigen Megacity

Siem Reaps erste Kneipe, das „Angkor What?!“ öffnete im Jahr 1998 seine Pforten. Seitdem hat der einst beschauliche Ort am Ufer des Siem Reap Flusses eine erhebliche Metamorphose erlebt. Mit den Tempeln Angkor Wats um die Ecke, ist Siem Reap DER Touristenmagnet Kambodschas und wohl eines der am häufigsten besuchten Ziele Südostasiens. In der Innenstadt reihen sich Kneipen, Restaurants und Stände mit Nippes und gefälschten T-Shirts aneinander. Ein Gang durch die engen Straßen gleicht einem Spießrutenlauf um den zahlreichen „Sir, massaaaaage???!!! Just five dollaaaar for you!“ und „Sir, come into my shop, we have many design.” auszuweichen. Auch nervig: Penetrante Tuk-Tuk-Fahrer, die uns wahlweise (oder in Kombination) Tuk-Tuk-Fahrten, Gras, Opium oder „Ladies“ anbieten. Wegen der lockeren Sperrstunde haben die Clubs und Bars in der sog. Pub Street bis spät in die Nacht geöffnet – Sim Reap tickt in einem Rhythmus, der mit dem ursprünglichen Kambodscha und der Stadt, die es bis vor wenigen Jahren wohl war, wenig gemein hat. Der Tageszyklus der meisten Kambodschaner_innen beginnt nämlich in der Regel nach wie vor sehr früh und endet zeitig. Dementsprechend kann es in kleineren Städten durchaus ein Problem sein nach acht Uhr am Abend auswärts etwas Essbares zu ergattern. Natürlich sind die Begleiterscheinungen des Massentourismus häufig negativer Natur, aber man darf natuerlich trotzdem nicht vergessen, dass er auch eine Menge Geld in ein ansonsten wenig wohlhabendes Land bringt und vielen Menschen ein Auskommen bietet.

Aber kommen wir zu dem, weshalb wir überhaupt die Reise hierher auf uns genommen haben. Ohne grosse Umschweife: Die Tempel Angkors sind ohne Gleichen. Die gewaltigen Dimensionen und die Kunstfertigkeit mit der die Khmer in diesem weitlaeufigen Areal zwei Hauptstädte und unzählige Tempel errichteten, beeindrucken uns zutiefst. Da wir nicht viel Zeit haben, besorgen wir uns lediglich einen Pass für einen Tag und heuern einen Tuk-Tuk-Fahrer an, um die grossen Distanzen zwischen den Tempeln schneller zurücklegen zu können.

Über die bewegte Geschichte Angkor Wats, das in der Hochzeit des Khmer-Reiches grôßer war als jede europäische Stadt, seine unterschiedlichen Herrscher und Dynastien, die im Laufe der Jahrhunderte (insbesondere zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert n. Chr.) die verschiedenen Tempel errichten ließen und mal dem hinduistischen, mal dem buddhistischen Glauben weihten, bis Angkor Wat schließlich verlassen wurde und verfiel, könnte man viel und ausufernd erzählen. Doch keine Sorge, den Vortrag erspare ich euch, denn wer sich dafür interessiert, findet bei Wikipedia und co ausreichend Infos.

Besonders faszinieren uns die surrealen, himmlisch entrückt lächelnden, in Stein gehauenen, meterhohen Angesichter des Bodhisatvas Lokeshvara im der Anlage Angkor Thom zugehörigen Tempel Bayon. Der dem Areal den Namen gebende Tempel Angkor Wat, der sich so markant und erhaben im Wasser des davor angelegten Sees spiegelt, besticht schon durch seine riesigen Ausmaße, die ihn zum größten religiösen Gebäude der Welt machen. Auf mehrere Etagen kann man durch die Gänge wandern und immer neue Ausblick auf die Türmen erhaschen und kleine Schreine vor denen Mönche in orangenen Kutten Weihrauchstäbchen und andere Gaben opfern, entdecken. Detailreiche Fresken, die komplexe, religiöse Geschichten erzählen und die verschlungenen Ornamente, die die Wände vieler Tempel in Angkor Wat und Angkor Thom schmücken, zeugen von einer unglaublichen Kunstfertigkeit und Hingabe der Erbauer.

Angkor28

Angkor17

Angkor29

Angkor27

Die Natur eroberte sich im Laufe der Jahrhunderte große Teile des Areals zurück, auf dem einzig die Wassergraben und künstlichen Seen und die religiösen Bauten überlebt haben, da alle weltlichen Gebäude lediglich aus Holz erbaut wurden. Mächtige Würgefeigen überwuchern und umranken ganze Gebäude, Wurzeln schoben sich in jahrhundertelanger Beharrlichkeit durch das Mauerwerk, sprengten Fußböden und umarmen nun Reliefs und Statuen. Die hohen Kronen der Bäumer werfen Schatten auf die Tempel, und in Haufen von abgeworfenem Laub und alter Steine krabbelt und raschelt es, derweil sich auf Terrassen und Balustraden neugierige Affen sonnen und die Besucherscharen gierig nach Ess- und Klaubarem scannen.

Slider4

Man kommt kaum umhin in Superlativen zu sprechen – Angkor Wat ist einfach atemberaubend und grandios. Der einzige Wermutstropfen: Es ist richtig voll hier und die verwunschene Atmosphäre, die in vielen Tempeln aufkommt, wird nur allzu oft jäh durch eine raschelnde, schnatternde Besuchergruppe, deren Teilnehmer_innen sich wahlweise als sexy Lara Croft oder James Bond auf ihren Fotos zu inszenieren versuchen, unterbrochen. Doch dann gibt es wieder ein paar Tempel und Pfade, die abseits der Hauptrouten liegen, und einladen ins Träumen zu geraten…

Angkor25

//Heiko

Author Bio

1 Comment

  1. franka - 10. Dezember 2013

    wie schön lieber heiko :) geschrieben und fotografiert. wusste gar nicht, dass die anlage so groß ist.

Leave a reply