Singapur // Singapur: Disneyland mit Todesstrafe

Singapur // Singapur: Disneyland mit Todesstrafe

Unser erster Eindruck von Singapur ist beileibe kein positiver: Grau, extrem schwül, irgendwie charakterlos und steril. Aber im Laufe der Tage werden wir feststellen, dass der Stadtstaat am Südzipfel der malaiischen Halbinsel doch eine ganze Menge zu bieten hat.

Singapur fehlt ganz einfach das Pulsierende, Aufregende, das z.B. Hong Kong sehr stark ausstrahlt. Singapur wirkt ziemlich „brav“ und ein bisschen langweilig. Dafür ist es hier sehr entspannt, es bedarf keiner endlosen Suche nach Fußgängerüberwegen, um eine Straße zu passieren, sondern man überquert sie einfach an einer Ampel – aufgrund der hohen Steuern sind relativ wenige Privatautos unterwegs, das macht sich bemerkbar. Vor allem aber ist Singapur extrem sauber. Alles ist hier ganz genau geregelt und auf alles, was nicht erlaubt ist, und das ist ziemlich vieles nicht (wie z.B. der Transport von Durian-Fruechten in der Metro, die zugegebenermaßen verdammt übel riechen), stehen drakonische Strafen. Ganz besonders hart schlägt die Justiz bei Drogen zu: 500g Marihuana fuehren unweigerlich zur Todesstrafe. Singapur hält leider den unruehmlichem Rekord auf die Einwohnerzahl bezogen, die meisten Todesurteile weltweit zu vollstrecken. Aber auch mit den immensen Geldstrafen und Stockhieben schuechtert man die Bevölkerung ein, so trägt Singapur offenbar nicht zu Unrecht den inoffiziellen Titel „a Fine City“ (Fine = prima & Geldstrafe).

Trotzdem scheinen die Leute, wenn man Umfragen glaubt, hier sehr zufrieden zu sein, denn die meisten fuehren ein recht sorgenfreies Leben und geniessen einen beachtlichen Wohlstand. Dass Singapur nicht grade lupenrein demokratisch ist, scheint da nicht so sehr ins Gewicht zu fallen.

Singapur ist seit den 60er Jahren, nachdem es kurze Zeit nach der Unabhängigkeit von Grossbritanien, eine Verbindung mit Malaysia einging, ein eigenständiger Staat. Ebenso wie Hong Kong florierte der Stadtstaat gewaltig und investierte frühzeitig in seine Infrastruktur, die Bildung und Gesundheit seiner Buerger_innen und kurbelte eine Vielzahl von Sozialprojekten an (beispielsweise den sozialen Wohnungsbau, der den Einwohner_innen preiswerten Wohnraum bietet, dem Stadtbild aber viele graue Wohnbloecke beschert). Heute ist Singapur mit Abstand das reichste Land Südostasiens und zählt zu den entwickelsten Länder der Welt (was auch immer man von Indizes wie dem HDI halten mag…). Dementsprechend handelt es sich auch um ein teures Land, das unsere Reisekasse ziemlich strapaziert.

Die groesste Bevoelkerungsgruppe stellt die der ethnischen Chines_innen dar, die knapp 75% der Einwohner_innen ausmacht. Dennoch sind die beiden anderen grossen ethinischen Gruppen – Malaien und Inder – ebenfalls sehr praesent im Stadtbild und praegen, neben vielen anderen Kulturen, das Bild bestimmter Stadtviertel sehr stark. So gib es ein hektisches, mit Bollywoodmusik beschalltes Little India, einen arabischen Stadtteil, der sich um eine palmenumstamdene Moschee gruppiert, sowie Chinatown, vor dessen, einer chinesischen Pagode nachempfundenen Bürgerhaus, eine grosse Gruppe Tanzwuetiger im Schein der Lampions sich im Linedance übt. Es herrscht Religionsfreiheit und allenthalben finden sich daher die Gotteshaeuser unterschiedlichster Religionen: Hinduistische, buddhistische, taotische Tempel, Moscheen und Kirchen verschiedenster Konfessionen. Natürlich praegen die jeweiligen Kulturen auch die Essensauswahl, so gibt es rund um die Arab Street massenweise Restaurants, die Humus, Falafel und Couscous anbieten, Bannanblattcurries, Kopi und Kaya-Toast in malaiischen Vierteln, vegetarische Thalis in Little India und Dim Sum, Ma Po Tofu und hundertjaehrige Eier in Chinatown. Und auch wir als Vegetarier gehen nicht leer aus, denn es gibt ein sehr erfreuliche Auswahl an vegetarischen Restaurants oder zumindest ein paar vegetarische Optionen auf vielen Karten. Die Kommunikation der Essensvorlieben ist auch kein Problem, da jeder hier Englisch (was neben Malaiisch und Mandarin Amtssprache ist) spricht und versteht.

Die Multikulturalitaet ist für uns ganz defintiv ein grosser Pluspunkt Singapurs.

Ein Augenschmeichler ist Singapur hingegen weder auf den ersten, noch auf den zweiten Blick, denn graue Wohnsilos, Buerotuerme und funktionelle Betonbauten praegen das Stadtbild und es fehlt ein so markantes Alleinstellungsmerkmal wie der Victoria Harbor in Hong Kong. Dennoch stehen hier und dort einige huebsche viktorianische Kolonialbauten, beeindruckende Tempel und einige durchaus sehenswerte moderne Gebäude, wie z.B. die Kunsthochschule.

Ohne Frage eindrucksvoll ist auf jeden Fall der Ausblick auf Singapurs naechtliche Skyline. Besonders gut sieht man sie von Raffles Quay aus oder in der Marina Bay. Letztere bietet darüber hianus noch den Blick auf die futuristischen Gebäude Marina Bay Sands und die Theaters at the Bay (die wahlweise an eine aufgeschnittene Durian oder riesige Hoden ähneln), sowie das in den 60er Jahren vom Tourismusverband erschaffen „Maskottchen“ der Stadt: Den wasserspuckenden Merlion. Am Nordufer der Marina Bay verbringen wir auch den Start ins neue Jahr und schauen dem theoretisch opulenten Feuerwerk über dem Hafenbecken zu. Viel zu sehen gibt es jedoch kurz nachdem der an die Hochhausfassaden angestrahlte Countdown abgelaufen ist, leider nicht. Dicke Rauchschwaden verschleiern die Sicht auf den Himmel schon nach Sekunden. Privates Feuerwerk ist in Singapur natürlich nicht zugelassen – auf die Benutzung stehen Strafen – wer hätte das gedacht?! Ansonsten ist der Neujahrsbeginn fuer die meisten hier keine grosse Sache: Keine knallenden Sektkorken, kein Sich-in-die-Arme-Fallen, kein Gesang. Kein Wunder, schliesslich begehen die meisten Kulturen hier den Beginn des neuen Jahres ihres Kalenders zu einem anderen Zeitpunkt.

Singapur bietet auf jeden Fall viel Glitzer, aber irgendwie ist es seltsam hier: Die Stadt ist für eine asiatische Stadt sehr entspannt, aber man hat bestaendig das Gefühl, dass irgendwie alles kuenstlich und steril ist (das gilt nicht fuer die historisch gewachsenen Viertel). Die allabendlichen Lasershows in der Marina Bay oder der kaum aushaltbare, weil so kitschige Tanz der Reiher auf Sentosa Island, sind nur zwei Beispiel dafür. Ja, irgendwie fühlt man sich hier wie im Disneyland – ohne Maskottchen, aber dafür mit Todesstrafe.

aDSCN9441

Da die Stadt sich nicht so richtig anbietet sich einfach treiben zu lassen und die Innenstadt primaer aufs Shopping ausgerichtet ist (inbesondere die Orchard Road, wo sich unzaehlige, riesige Malls aneinanderrreihen), nehmen wir ein paar Museen in Angriff. Zur Zeit findet glücklicherweise die Singapore Biennale 2013 statt, weshalb es verguenstigte Eintritte in die Museen gibt und an verschiedenen Locations Werke zeitgenössischer asiatischer Kuenstler_innen ausgestellt werden, die uns mitunter sehr zusagen. Beonders gut gefaellt uns das Singapore Art Museum (SAM) und das 8Q, wo neben der Werke der Biennale eine grosse Sammlung zeitgenössischer Kunst und Installationen praesentiert wird. Sehenswert ist darüber hinaus das Historical Museum, das zur Zeit ebenfalls zeitgenössische Kunst im Rahmen der Biennale ausstellt, aber auch eine ganz hervorragende Dauerausstellung zu bieten hat. Die Zeitreise durch Singapurs Vergangenheit ist etwas lang und erfordert viel Ausdauer, hat aber einen interessanten und stimmungsvollen Audioguide (ohne den die Sammlung auch gar nicht zu verstehen wäre).

Neben dem inoffiziellen Titel „a fine city“, traegt Singapur einen weiteren, etwas ruehmlicheren: The  Garden City. Und das trifft es ganz gut, denn durch die Stadt ziehen sich erstaunlich viele von Affen, Schmetterlingen, bunten Vögeln und Echsen bewohnte Parks und Grünanlagen. Im Landesinnern kann man sogar einen kleinen Rest Primaerwald bewundern – defintiv eine Leistung bei einer Stadt mit einer der hoechsten Bevoelkerungsdichten weltweit! Eine gute Moeglichkeit um die gruenen Winkel der Stadt zu erkunden ist ein Spaziergang auf dem Southern Ridges Walk, der sich durch die Parks und Wälder unweit des Südufers Singapurs entlangzieht. Mal geht es über 15 Meter hohe Stege durch die Baumkronen, mal über elegant geschwungene  Bruecken über bewaldete Schluchten und am Wegesrand kann man Vögel und Echsen beobachten. Wirklich fern ist die Stadt jedoch nie, denn immer wieder ragen mehr oder weniger bemerkenswerte moderne Gebäude aus dem satten Gruen der Waelder empor.

Sehr schön ist auch der ausufernde botanische Garten, der auch ein paar hübsche Gewächshäuser zu bieten hat. Richtig, richtig toll ist auf jeden Fall der Sinapore Zoo, der wohl einer der besten, wenn nicht gar DER beste zoologische Garten ist, in dem wir Beide je waren: Die meisten Gehege sind so angelegt, dass die Besucher_innen und Tiere nur durch eine kaum wahrnehmbare Barriere voneinander getrennt werden, wie z.B. durch einen kleinen Wassergraben. Manche der Gehege, wie z.B. die Kletterbaeume der Orang-Utans erstrecken sich sogar ueberhalb der Wege und einigen Bewohnern (z.B. den Lemuren) kann man hautnah begegnen. Darueber hinaus haben wir – als Laien zumindest – kein Gehege gesehen, welches uns kopfschuettelnd ueber Tierrechte diskutieren liess. Daumen hoch!

Mit den „Gardens at the Bay“ hat sich Singapur in den letzten Jahren eine neue Attraktion geschaffen. Hinter der Marina Bay ragen zwei riesige, futuristische Gewächshäuser und mehrere an eine Mischung aus Pilz und Baum erinnernde, bis zu …. Meter hohe Konstrukte aus einer grossen Gartenanlage hervor. Die Türme dienen nicht nur der Zierde, sondern sollen Regenwasser sammeln und Pflanzen als Rankhilfe dienen. Das ganze Gelände sieht sehr futuristisch aus (und faellt natuerlich auch wieder in die Kategorie irgendwie steril…) und wirkt insgesamt sehr gelungen. Der Eintrittspreis in die Haeuser ist uns aber definitiv zu hoch, weshalb wir die Pracht nur von außen bestaunen.

Da David und ich ja so gerne Freizeitparks moegen, lassen wir uns die Universal Studios, die angeblich zu den besten Parks der Welt gehören sollen, nicht entgehen. Der Eintritt kostet ganz definitv ein stolzes, schmerzhaftes Suemmchen, aber wir haben auf jeden Fall eine gute Zeit im Park. Leider gibt es nicht allzu viele Attraktionen, die uns interessieren, aber der Park ist wirklich sehr detailverliebt und gut aufgemacht. Ein Großteil der Shows und Fahrgeschäfte richten sich eindeutig an juengere Kinder, wie z.B. die Begegnung mit dem Esel aus Shrek, bei der wir etwas peinlich berührt in der hintersten Reihe stehen und hoffen, dass bloß keiner auf die Idee kommt uns das Mikro in die Hand zu drücken. Aber es gibt auch wirklich super Fahrgeschäfte hier: Die Dunkelachterbahn „The Revenge of the Mummy“ ist zwar sehr kurz, aber technisch richtig gut umgesetzt. Die Stromschnellenfahrt „Jurassic Park“ ist, besonders bei Nacht sehr stimmungsvoll. Und „Transformers the Ride“ ist ganz defintiv genial! Naja, wenn man mal davon absieht, dass wir bei der ersten Fahrt eine knappe halbe Stunde wegen technischer Probleme in der Bahn festsassen… ;) Alles in allem ein cooler Park, der unserer Meinung aber etwas zu wenig Nervenkitzel bietet, um „der beste Park“ der Welt zu sein.

Waren wir anfangs wirklich nicht so angetan von Singapur, gefiel uns die Stadt von Tag zu Tag besser, da es eine ganze Menge zu entdecken gibt. Hinzu kommt, dass die meisten Leute hier wirklich sehr höflich, hilfsbereit und freundlich sind. Und wenn man ein bisschen sucht, kann man sogar auch einige coole Cafés finden, die nicht Starbucks heißen (jedem der nach Singapur fährt, sei das tolle Cups’n Canvas nahe der Kunsthochschule mit seinem super netten Personal ans Herz gelegt!).

aDSCN9449

//Heiko

Author Bio

Leave a reply