Australien // Flinders Ranges: Am Rande des Outbacks – Kängurus, Emus und goldene Hügel bei 46 Grad

Australien // Flinders Ranges: Am Rande des Outbacks – Kängurus, Emus und goldene Hügel bei 46 Grad

„Drive on the left side in Autralia!“ Gut, dass der große Aufkleber im Mietwagen das nochmal klarstellt. Nach ein paar abenteuerlichen Manövern befinden wir uns aber wohlbehalten mit unserem ziemlich kompakten Ford, jeder Menge Essen, Wasser und unserem Zelt im Kofferraum auf der A21 in Richtung Stadtrand.

Den Warnungen der Wetterdienste vor einer ungewöhnlichen Hitzewelle trotzend, wollen wir – um zumindest einen kleinen Vorgeschmack vom australischen Outback zu bekommen – in die Flinders Ranges aufbrechen, einem Gebirgszug nördlich von Adelaide.


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Von Adelaide aus folgen wir der „Main Road North“ in Richtung Norden. Außerhalb des Innenstadtrings wirken Adelaides Parks weit weniger saftig und grün, da sie hier nicht intensiv bewässert werden. Ein Vorgeschmack darauf, wie es im nicht besprenkelten Rest Südaustralien aussieht.

Die Straße windet sich vorbei an weiten Weizenfeldern und trockenen Schafsweiden ins Clare Valley. Australien hat zwar eine recht junge Winzertradition, aber ist dennoch bekannt für seine guten Weine, die unter anderem hier gedeihen. Rebstöcke und Eukalyptusbäume auf sanft geschwungenen Hügeln dominieren die hübsche Landschaft. Natürlich decken wir uns auch mit einem Wein bei einer der zahlreichen Winzerereien ein. Auch wenn wir absolut null Ahnung von Wein haben, können wir zumindest sagen, dass unser Shiraz ziemlich gut schmeckt. :)

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Wir lassen das entspannte Tal hinter uns und die Landschaft wird zunehmend flacher und weiter. Schier endlose goldene Felder auf denen sich verrostete, wie aus einem Roadmovie entsprungene Windräder träge drehen, Schafe die sich um Wasserlöcher und schattenspendende Bäume gruppieren und die vor Hitze flimmernde und in der Ferne flüssig erscheinende Straße prägen das Bild. Es ist heiß und menschenleer, nur ab und an begegnen wir anderen Autofahrern, die uns im Geiste als Outbackreisende vereint, grüßen. Gelegentlich sehen wir einen Willy-Willy in der Ferne, bis zu hundert Meter hohe Staubtornados, die über die Landschaft ziehen, meist aber nach ein paar Sekunden wieder in sich zerfallen.

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Hin und wieder passieren wir winzige, teils hübsche, aber nahezu ausgestorbene Ortschaften mit Namen wie Melrose, Quorn oder Hawker, durch die für die wenigen Autos vollkommen überdimensionierte Straßen führen. Aus Schutz vor der Hitze sind die Rollläden überall heruntergelassen, nahezu alle Läden sind geschlossen. Es ist wohl keine Hauptsaison: Die Bäckerei in Stone Hut hat sogar noch bis März Urlaub – also noch gut zwei Monate. Aber wer außer uns dummen Europäern will auch schon im Hochsommer ins Outback?? Nichtsdestotrotz treffen wir natürlich auch auf andere Menschen – und wie bereits in Adelaide, sind auch diese sehr, sehr freundlich, entspannt, humorvoll und immer aufgelegt zumindest ein kurzes Gespräch zu führen. In kleinen Läden decken wir uns mit regional produzierten Leckereien wie Eis, Marmelade oder Veggie Pies ein, kommen mit einer Buchhändlerin ins Gespräch und besichtigen das winzige Museum der Pichi Richi Railway in Quorn. Zu unserer Freude gibt es auf der Strecke auch ein paar nette (geöffnete) Einkehrmöglichkeiten, wie z.B. in Melrose, wo es ein wirklich geniales Café in einer alten Schmiede (Black Smith Cafe) und einen sehr netten Pub gibt. Auf den Campingplätzen sitzen weiße und rosabäuchige Kakadus laut kreischend in den Bäumen und bunte Papageien spielen miteinander.

Immer wieder passieren wir verlassene Häuser oder Ruinen von Höfen in der weiten Landschaft. Das harte Leben im Outback und die immer wieder auftretenden Dürren, haben wohl viele Siedler bewogen der Leere des Buschs für immer den Rücken zu kehren und ihr Glück anderswo zu suchen.

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Wir überfahren zahlreiche ausgetrocknete Creeks, deren Ufer alte, knorrige Eukalyptusbäume säumen. Auf den Straßen weisen Schilder hier und dort auf die Gefahr von Überflutungen hin. Kaum vorzustellen, aber nach den selten, aber manchmal sinnflutartigen Regengüssen verwandeln sich diese ausgedörrten Betten in reißende Ströme und da der hartgebackene Boden kaum Wasser aufzunehmen vermag, kommt es kurzzeitig zu massiven Überschwemmungen, nach denen es aber wohl zu einem kurzzeitigem Aufblühen unzähliger Wildblumen kommen soll.

Es wird zunehmend wieder hügliger und bald tauchen am Horizont die Ausläufer der nördlichen Flinders auf. Immer häufiger sehen wir totgefahrene Kängurus am Wegesrand, besonders die Straße nach Wilpena ist von Tieren in unterschiedlichen Verwesungsgraden gesäumt. Definitiv kein schöner Anblick!

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Doch bald kommen wir am Ziel unserer Reise an: Dem Flinders Ranges Nationalpark. In diesem Zentrum gelegen, befindet sich der Wilpena Pound, eine einem gigantischen, mehrere Kilometer großem und mehrere hundert Meter hohen Amphitheater ähnelnde, nahezu elliptische Gebirgsformation, die außen hin schroff abfällt. Der Gebirgszug ist lediglich an einer Stelle – einem Creek – unterbrochen, so dass eine zur Außenwelt nahezu abgeschottete Fläche entsteht. Innerhalb des Rings befindet sich lockerer Eukalyptuswald, alles wirkt weitaus grüner als außerhalb des Gebiets, was der geringfügig höheren Niederschlagsmenge und einem günstigem Mikroklima zu verdanken ist. Die Sicht auf die steilaufragenden Klippen und auf die Landschaft innerhalb des Pounds ist wirklich wunderbar. Wirklich erfassen kann man die Ausmaße und Form des Pounds allerdings wohl nur aus der Luft – für uns aber ein definitiv zu teures Unterfangen. Leider ist es so heiß, dass wir außer einer knapp dreistündigen Wanderung zu einem Aussichtspunkt im Pound keine längeren Touren unternehmen können. Die anstrengendsten Wanderwege sind von der Parkverwaltung sogar vorsorglich geschlossen worden. Kein Wunder, schließlich klettert das Quecksilber bis auf 46 Grad! Wenn ein Wind geht, fühlt man sich wie im Umluftbackofen. Aber auch bei der kurzen Tour kommen wir ordentlich ins Schwitzen. Da die Luft so knochentrocken ist, scheint jegliche Flüssigkeit sofort zu verdunsten. Stetiges Nachfüllen ist also angesagt, so dass wir am heutigen Tag über zehn Liter Wasser getrunken haben! Dennoch bekommt uns dieses Klima hier weitaus besser, als die unerträgliche Schwüle Kuala Lumpurs.

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Wir können uns gut vorstellen, dass die europäischen Siedler, die sich hier im 19. Jahrhundert niederließen und ihren Lebensunterhalt mit Getreideanbau und Viehzucht bestritten, ein hartes Leben führten. Manche Dürren hielten mehrere Jahre an, vernichteten viele Ernten hintereinander und töten abertausende Schafe. Die Siedler, begierig ein neues Leben zu beginnen, müssen sehr enttäuscht gewesen sein, als sie anstelle des erhofften fruchtbaren Landes diese relativ lebensfeindliche Umwelt zum ersten Mal erblickten.
Dennoch: Das Schicksal der Aborigines, die hier vor der europäischen Besiedlung lebten, war ein weitaus härteres. Von dem Land verdrängt, das sie seit vielen tausend Jahre besiedelten (aber nicht „besaßen“, denn das Konzept Boden zu besitzen, war den Aborigines fremd), starben große Teile der indigenen Bevölkerung an europäischen Krankheiten, gegen die sie keine Antikörper besaßen, oder im Zuge grausamer Massaker durch die Siedler. Wer überlebte, wurde in Missionen umgesiedelt und zwangsassimiliert – eine Assimilation, die in weiten Teilen jedoch scheiterte. Noch heute ist die Situation der meisten Aborigines mehr als prekär: Aborigines sterben im Schnitt zwanzig Jahre früher, haben weitaus weniger Einkommen und landen mit 13-fach erhöhter Wahrscheinlichkeit im Gefängnis als der Durchschnittsaustralier. Der australische Sozialstaat scheint hier zu scheitern. Doch dazu mehr in einem der nächsten Berichte…

Zurück zu den Siedlern: Neben der Verdrängung der Aborigines, veränderten sie auch Flora und Fauna des Kontinents für immer: Durch Überweidung, Brandrodung und die Einfuhr neuer Pflanzen- und Tierarten fügten sie der lokalen Flora und Fauna großen Schaden zu, etliche Arten starben innerhalb weniger Jahre aus, und viele sind auch heute noch bedroht. Die dünne Humusschicht wurde an vielen Orten unwiderruflich vom Wind davon getragen.

Obwohl die Landschaft manchmal so trostlos und lebensfeindlich erscheint, ist sie doch einfach umwerfend. Insbesondere am späten Nachmittag und in den frühen Abendstunden ist das Licht wunderbar – die gesamte Landschaft scheint zu leuchten und zu strahlen. Die Kontraste zwischen der roten Erde, dem Blau des Himmels, den goldenen Wiesen und dem Grün der vereinzelten Bäume ist unglaublich schön.

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Besonders genießen wir im Flinders Ranges Nationalpark die Fahrt über zwei sogenannte „Scenic Drives“, je etwa 30km lange unbefestigte, holprige Staubstraßen (die wir mit unserem Leihauto offiziell gar nicht befahren dürften…):
Der Moralana Scenic Drive führt vor der Kulisse der hunderte Meter steil aufragenden Außenwände des Wilpena Pounds durch eine sanfte Hügellandschaft, die mit goldgelbem Gras, Eukalyptusgebüsch und mächtigen Red River Gumtrees bewachsen ist. Neben der spektakulären Landschaft, die von uns abgesehen menschenleer scheint, sind wir überwältigt von der Vielzahl von Tieren, von denen es trotz der auf den ersten Blick lebensfeindlichen Umwelt hier am frühen Abend nur so wimmelt: Wir sehen unzählige Kängurus, bunte Papageien, große Greifvögel und Emus, die uns entweder misstrauisch beäugen, vollkommen ungerührte ihren Geschäften (primär Nahrungsaufnahme) nachgehen oder – im Fall einiger Emus – seelenruhig auf der Straße vor uns her spazieren. Wir fühlen uns wie auf einer Safari und kommen gar nicht mehr aus dem Staunen heraus.

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Die zweite, ebenfalls wunderbare Strecke windet sich kurvenreich teils durch die Brachina Schlucht und ausgetrocknete Flussbetten, teils über Bergkämme und wettergezeichnete Hügel durch eine mit niedrigen Büschen und verkrüppelten Bäumen spärlich bewachsene Landschaft in Richtung Osten. Hier ist es weitaus trockener und unwirtlicher als auf dem Moralana Scenic Drive, dafür hat man wirklich grandiose Aussichten. Und auch hier sind wir vollkommen alleine unterwegs. Die rotbraunen Berge sind extrem stark zerklüftet, allerorts zeugen Erdrutsche und Trümmerhaufen von der weiter fortschreitenden Erosion des Gebirges. Bei den Flinders handelt es sich um eines der ältesten Gebirge der Erde, das einst wohl so hoch wie der Himalaya war, doch im Laufe der Jahrmillionen haben die Umwelteinflüsse die Bergen massiv abgeschliffen, so dass sie inzwischen kaum höher als 1300 Meter aufragen. Die Bergen wirken wirklich sehr alt: Wie die Ruinen einst stattlicher Berge, in unzähligen Braun- und Rottönen geschichtet. Doch verwittert und alt wie sie sind, sind sie trotzdem wunderschön.

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Zurück geht’s an der Küste entlang nach Adelaide, das wir nach insgesamt 1100 Kilometern erreichen.

Eins ist jetzt schon klar: Australien ist richtig genial und wir sind gespannt, was wir noch Tolles hier erleben werden!

// Heiko

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