Australien // Melbourne: Dancing in the Streets of Melbourne…

Australien // Melbourne: Dancing in the Streets of Melbourne…

Hinter Torquay schlängelt sich der Highway 1 lange durch wenig einladend wirkende Vororte bis wir endlich Williamstown erreichen, wo uns ein ebenfalls wenig einladender Campingplatz empfängt, auf dem wir innerhalb von kürzester Zeit von mehreren Leuten gewarnt werden bloß nichts liegen zu lassen, da hier selbst die schmutzigen Boxershorts aus der Dusche geklaut würden. Davon abgesehen liegt der Platz aber für uns ganz günstig und ist preiswert, da wir von hier aus Melbourne erkunden wollen. Und anders als der ranzige Campingplatz begeistert uns Melbourne auf Anhieb!

Einst in kultureller und wirtschaftlicher Sicht DIE Stadt Nummer Eins Australiens, hat der ewige Rivale Sydney ihr diesen Rang inzwischen wohl streitig gemacht. Aber wir lassen uns gern vom Gegenteil überzeugen.

Melbourne wirkt auf uns trotz der stattlichen Größe von knapp vier Millionen Einwohner_innen auf uns ziemlich entspannt und lässig. Das Tempo im Backsteingeprägten Central Buisness District ist recht gemächlich, die letzte Metro fährt um 23:50 Uhr, Trams rattern durch die hügeligen Straßen und vorbei an einer Mischung aus stattlichen viktorianischen Gebäuden, wie der beeindruckenden Flinders Street Station, sprudelnden Springbrunnen, klotzigen Betontürmen und verglasten Neubauten. Allerorts begegnet man Straßenkünstlern und –musikanten um die sich große Menschentrauben bilden. Am zentralen Federation Square (kurz Fed Square genannt) sitzen viele Menschen auf dem Boden um das Wimbledon Finale auf dem großen LCD Screen gebannt zu verfolgen.

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Die Leute wirken fröhlich und die Straßen sind belebt. Insbesondere die Anzahl der Musiker, die teilweise richtig, richtig gut sind, beeindruckt uns sehr. Ebenso beeindruckt uns, dass die Passanten hier oft ohne Hemmungen zur Musik auf der Straße tanzen und so lassen wir uns auch bei einer besonders guten Swing/Klezmer Kombo mitreißen, der sich selbst der Strassenreiniger nicht entziehen kann, und in seiner orangenen Overall ein paar Drehungen in der Menge vollführt.

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Kulturell stärken wir uns im Ian Potter Centre, einem (kostenlosen) Kunstmuseum, das in der sehr abwechslungsreichen Ausstellung „Melbourne NOW“ Kunstschaffende aus Melbourne im Fokus hat. Die Ausstellung haut uns zugegebenermaßen nicht aus den Socken, aber es sind einige doch sehr interessante Exponate dabei. Beeindruckend ist auf jeden Fall, dass Melbourne eine ziemlich große und lebendige Kunstszene zu haben scheint.

Auch außerhalb der Museen gibt es viel Kunst zu begutachten, denn Street Art ist hier allgegenwärtig. Egal ob in den engen Backsteingassen des CBD oder an den Wänden der gedrungenen Häuser außerhalb der Innenstadt: Überall gibt es etwas zu entdecken. Und das macht auf jeden Fall einen großen Teil des Charmes der Stadt aus.

Die Indie-Szene ist in Melbourne sehr stak vertreten. In Vierteln wie Fitzroy, das früher so was wie ein bürgerlicher Albtraum war, haben sich in etlichen etwas heruntergekommenen Gebäuden z.B. entlang der Brunswick St coole, alternativ angehauchte Restaurants, Pubs, Cafés, Geschäfte (und die ziemlich gute Eisdiele N2) usw. niedergelassen. Ja, Fitzroy ist sicherlich eine Pardebeispiel für Gentrifizierung und all ihren negativen Konsequenzen, doch es ist trotzdem auch ziemlich nett hier. Etwas weiter nördlich findet man Fitzroy North, ein ebenfalls schönes Viertel, das viel weniger aufgeregt ist und sich seine ursprüngliche Durchmischung aufgrund niedrigerer Mieten noch gut erhalten konnte.

Wunderbar ist natürlich auch Melbournes Nähe zum Meer und so kann man beispielsweise in Williamstown (eher etwas gediegener und familienfreundlicher) und St. Kilda (eher der Ort zum Sehen und Gesehen werden) nicht nur fotogene Ausblicke auf die Skyline erhaschen, sondern auch ganz passable Strände zum Schwimmen finden.

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Trotz allem hat Melbourne auch etwas provinzielles: Außerhalb der inneren Stadtteile hat man aufgrund der gedrungenen Gebäude sehr schnell das Gefühl sich in einer australischen Kleinstadt zu befinden. Zudem schließen die Geschäfte hier in Melbourne zu Zeiten, die uns bereits vor zwanzig Jahren als ziemlich konservativ vorgekommen wären – in aller Regel nämlich um 17:30 Uhr (Supermärkte ausgenommen), am Samstag gar schon um 16 Uhr! Aber auch das trägt seinen Teil zur entspannten Atmosphäre der Stadt bei. Was hingegen bei uns gar nicht gut ankommt: Diese restriktiven Zeiten gelten auch für Cafés! Scheint die Auswahl an guten Cafés in Melbourne am Vormittag schier unbegrenzt, so ist es nach drei Uhr ein hartes Unterfangen ein geöffnetes zu finden. solches zu finden. Und so stehen wir ziemlich oft vor den „Sorry – We are closed“ – Schildern und gucken dumm aus der Wäsche.


Melbourne hat uns wirklich richtig gut gefallen und wir sind ganz traurig schon so bald wieder aufbrechen zu müssen, doch schließlich warten noch viele andere Orte darauf entdeckt zu werden. ;)

//Heiko

Und sonst: War am 26. Januar „Australia Day“ – man feiert die Gründung der ersten dauerhaften Siedlung in Australien in der Botany Bay nahe Sydney. Fahnenschwenkende Männer, picknickende Familien, Shirts in Nationalfarben und blau-rot-weiße Schminken-Herzchen auf Wangen zeugen von ernsthaften Nationalstolz. Das ist ganz gewiss nicht unseres und manche Leute in den Cafés Fitzroys äußeren ebenfalls ihre Skepsis. Was wir auch erfahren: Die Aborigines nennen den Tag „Survival Day“. Irgendwie ist doch nicht alles „awesome“ hier in Downunder.

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