Ecuador // Gegrilltes Meerschweinchen und Schneengel im Schatten des Chimborazos

Ecuador // Gegrilltes Meerschweinchen und Schneengel im Schatten des Chimborazos

Aus Otavalo kommend, verbringen wir eine Nacht im wuseligen und recht hübschen Latacunga (unsere Unterkunft, das Hostal Tiana ist sehr empfehlenswert!).

k-aDSCN1708

Unsere Reisepläne haben sich – wie so oft unterwegs – geändert, denn heute steht ein freudiges Wiedersehen an. Von Latacunga aus schnappen wir also einen Bus in Richtung Riobamba und verlassen ihn nach einer Stunde Fahrt durch recht dicht besiedelte und leider auch ziemlich zerstörte Berglandschaft in Ambato, wo wir auf … …. tada … … Linda treffen! Wie wunderbar sie wiederzusehen! Anstatt von Kolumbien aus nach Brasilien weiterzureisen, hat sie sich entschlossen die letzten Wochen ihrer Reise in Ecuador zu verbringen – was uns natürlich sehr freut.

Guaranda

Weiter geht es also zu dritt mit dem Bus nach Guaranda. Die kurze Fahrt hierher über eine der höchstgelegensten Straßen Ecuadors ist wirklich beeindruckend, denn wir passieren den Chimborazo, der mit 6267 Metern der höchste Vulkan Ecuadors ist. Und nun kommt´s: Eigentlich ist er sogar der höchste Berg der Welt – zumindest wenn man ihm vom Erdkern aus misst. Denn aufgrund der nicht runden, sondern elliptischen Form der Erde ist der Abstand zum Erdmittelpunkt hier am Äquator am größten. Auch wenn man diesen Fakt beiseite lässt, ist der Anblick des schneebdeckten, nahezu perfekten Vulkankegels wunderbar, wenngleich auch hier – so ecuadortypisch – die Wolken meistens nur wenig preisgeben.

k-aDSCN1734

In Guaranda besuchen wir die Freunde unserer Freundin Isabelle – ihre ecuadorianische Familie sozusagen. Ja, Isabelle war eigentlich sogar DER Auslöser für unsere Entscheidung nach Ecuador zu reisen. Sie hat mir so oft und farbenfroh von den wunderbaren zweieinhalb Jahren, die sie hier lebte, erzählt, dass ich gar nicht anders konnte als hier irgendwann einmal hinzureisen und alles selbst zu sehen. Vielen Dank also Isa für die Inspiration! Ecuador ist wunderbar! :) Da in Ecuador die Freunde von Freunden ebenso Freunde der ganzen Familie sind, werden wir in Guaranda herzlich empfangen. Die nächsten Tage sind sehr intensiv und gehören zu den schönsten, die wir hier in Ecuador verbracht haben, denn Jimmy und Manuela und ihre zwei Kinder Sebastián und Ricardo sind wundervoll! Und natürlich lernen wir auch Manuelas Geschwister, ihre Mutter und weitere Familienangehörige und Freund_innen kennen, mit denen wir schöne Abende in der urigen Küche der Familie verbringen und in der sie uns mit ecuadorianischen Leckereien verwöhnen – ja, das ecuadorianische Essen kann auch ganz wunderbar sein! Am zweiten Tag unseres Aufenthalts helfen wir im Restaurant der Familie aus. Hier wiederum wird nicht ganz nach unserem Geschmack gekocht, denn es geht äußerst fleischlastig zu, und, da wir am Donnerstag hier sind, gibt es – ganz traditionell – Cuy: Meerschweinchen. Die Tierchen werden gehäutet und mit einem Spieß vom Hintern bis zum Maul durchrammt, in die Länge gezogen und dann auf einem Grill ganz knusprig gebraten – sieht nicht grad appetitlich aus, soll aber vorzüglich schmecken, versichert man uns zumindest. Ein Fotoshooting mit Familie und Cuy am Spieß darf natürlich nicht fehlen!

k-aDSCN1761

Guaranda selbst ist eine kleine hügelige, absolut untouristische Stadt mit einem anschaulichen historischen Zentrum, über das die Gipfel der umliegenden Berge und vor allem der des mächtigen Chimborazos ragen. Hier trinken wir unseren ersten Morocho: Ein süßes, zimtiges Heißgetränk, das flüssigem Milchreis sehr ähnlich ist, nur dass anstelle von Reis hier eine Maisart verkocht wird. Super lecker, nahrhaft und genau das richtige bei dem nass-kalten Wetter der Sierra. Wir fühlen uns auf jeden Fall sehr wohl in Guaranda!

Salinas

Ecuador produziert große Mengen hochwertigen Kakaos, der weltweit exportiert wird. Leider ist Ecuador primär Rohstofflieferant und fast der gesamte Kakao wird im Ausland weiter veredelt. Insbesondere Nestlé kauft Kakao zu niedrigsten Preisen ein – und exportiert die fertige Schokolade wieder zurück nach Ecuador. Mit Ausnahme von einigen wenigen hochpreisigen Schokoladen, kann man in Ecuador leider fast ausschließlich Nestlé-Produkte kaufen. Ziemlich verrückt! Vor allem wissen alle Ecuadorianer_innen wie schlecht Nestlé vergütet und kaufen dennoch unentwegt Nestlé Produkte – ganz logisch erscheint das nicht.

Unweit von Guaranda aber, auf knapp 3.500 Metern , gelegen, befindet sich  das beschauliche Dorf Salinas. Dort hat eine lokale Community in Eigenregie eine ganze Reihe kommunaler Betriebe aufgebaut. Und so produziert das Dorf neben Kleidung, Salz, Salami und Käse auch sehr erfolgreich Schokolade. Für den Kakao erhalten die Bauern aus dem Tiefland (denn auf dieser Höhe wächst natürlich kein Kakao) anders als von Nestlé einen anständigen Preis. Wir fahren mit Jimmy nach Salinas und erfreuen uns an heißer, dickflüssiger, gewürzter Schokolade und kaufen ein paar Pralinen und ziemlich guten Käse ein. Schade, aber das miserable Wetter lässt leider keine großen Entdeckertouren in Salinas zu.

Chimborazo

Einen zweiten Ausflug unternehmen Linda und wir zum Fuße des Chimborazos, wo wir das Reserva Faunistica Chimborazo besuchen. Trotz der tiefhängenden Wolken, die diesmal den Blick auf den Vulkan nicht freigeben wollen und des Nieselregens, machen wir uns auf dem Schotterweg in Richtung des ersten Refugios auf. Nach einigen hundert Metern kommen aber Carla und Thomas aus Guayaquil in ihrem kleinen Auto vorbei und nehmen uns die Strecke bis dorthin mit. Wie schön! Es wird zunehmend kälter und plötzlich beginnt es zu schneien. Auf 4.900 Metern erreichen wir die Carrel-Hütte, wo wir im frischen Schnee Schneengel machen und uns bei einem Kaffee in der Hütte ein wenig aufwärmen. Die Luft hier ist dünn und jeder Schritt tierisch anstrengend. Langbewimperte Vicuñas stehen in kleinen Grüppchen beisamen und beäugen uns kritisch, während sie an mageren Flechten nagen. Unter schweren Wolken sehen wir in der Ferne ein paar Wanderer, die in Richtung des Gipfels unterwegs sind. Eine trostlose und doch wunderschöne Landschaft! Zufrieden damit, nicht den Gipfel erklommen zu haben, machen wir uns wieder auf den Weg nach Guaranda.

k-aDSCN6656

k-aDSCN6674

 

 

 

 

 

k-aDSCN6640

Caluma

Am Wochenende nehmen uns Jimmy und Manuela mit in ihr Wochenendehaus in ein Dörfchen unweit der Kleinstadt Caluma, das circa zwei Autostunden entfernt in Richtung Küste und knapp 2500 Meter tiefer als Guaranda liegt. Und hier betreten wir eine weitere Klimazone Ecuadors – la Costa. Caluma liegt auf knapp 500 Metern Höhe, umgeben von sogenannten Nebelwäldern, die so heißen, weil hier aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit täglich mehrere Stunden dichter Nebel die tropischen Bäume umwabert. Echt irre, denn heute morgen haben wir noch am Chimborazo Schneeengel gemacht und nun schwitzen wir in der tropischen Schwüle und sehen Flughunde und handtellergroße Schmetterlinge vorbeiflattern. Jimmy und Manuela besitzen neben ihrem Haus auch einige Hektar Land auf dem sie primär Bananen, Orangen und Kakao anpflanzen. Wir begleiten die vier um zu sehen wie die Früchte wachsen und wie sie geerntet werden. Insbesondere das Ernten des Kakaos ist ein ziemlich anstrengendes Unterfangen, denn die teils hoch in den Bäumen hängenden Kakaofrüchte müssen einzeln mit an langen Stäben angebrachten Messern abgeschnitten werden. Anschließend werden die Früchte aufgeschnitten und die Bohnen mit dem Fruchtfleisch herausgelöst. Es folgt ein mehrtägiger Gärungs- und Trocknungsprozess. Für einen großen Eimer Kakaobohnen, in dem viele Arbeitsstunden stecken, zahlt ein Großabnahmer grade mal zwanzig USD.

k-aDSCN6820

k-aDSCN6747

Das Haus der Familie ist einem typischen Haus der Costa nachempfunden und steht, um für plötzliche Fluten gewappnet zu sein, auf Stelzen. Das ganze Leben spielt sich auf der großen Terrasse ab, auf der wir essen, Halligalli spielen oder in der Hängematte schaukelnd  dösen und die nebelverhangenen Berge in der Ferne betrachten. Direkt hinter dem Haus fließt ein Flüsschen, das erstaunlich kalt ist und in dem man an Stellen, die uns Sebastian und Ricardo zeigen, vorzüglich baden kann. Was für ein wunderbarer Ort!

k-aDSCN6848

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass es in Ecuador zig verschiedene Bananensorten gibt? Sie sind ein ganz essentieller Bestandteil der landestypischen Küche und summa summarum verdrücken wir in drei Tagen knapp 45 Bananen – aber kein Wunder, schließlich gibt es kaum eine Mahlzeit, in der sie nicht in der ein oder anderen Weise verwendet werden, egal ob in herzhafter oder süßer Zubereitung. Klingt seltsam, schmeckt aber – zumindest wenn Manuela es kocht – ganz hervorragend. :) Und wen wundert es da, dass Ecuador einer der größten Bananenexporteure weltweit ist? Unsere Bananen hier stammen von Kleinbauwern aus Caluma, doch die Regel ist das nicht: Leider werden die Früchte meist unter unfairen und ungesunden Bedingungen, in der Regel in riesigen Monokulturen produziert (wer mehr dazu lesen möchte, kann dies zum Beispiel bei Oxfam und dem Südwind-Institut tun!).

Jimmy, Manuela und die Kinder müssen sich am Sonntagabend leider wieder auf den Weg in Richtung Guaranda machen, da sie am Montag wieder zur Arbeit, bzw. zur Schule müssen. Wie schade, dass sich unsere Wege hier wieder trennen! Wir aber dürfen noch ein paar Tage im  Haus bleiben – ein Angebot, das wir gerne annehmen. So langsam fühlen wir uns schon richtig „heimisch“ hier: Am Abend bekommen wir Besuch von den Nachbarn, Mittags schaut der Hund einer anderen Nachbarinn vorbei, auf der Straße läuft man kaum zehn Meter ohne sich in ein Schwätzchen zu verlieren und im winzigen Internetcafé des nächstgelegenen Dörfchens umringen uns Ronny und seine Freund_innen interessiert. Es ist eine schöne und entspannte Zeit hier und wir fühlen uns wirklich wohl.

k-aDSCN6836

Aber irgendwann heißt es dann doch wieder Abschied nehmen uns wir machen uns auf den Weg um mehr von der Costa zu entdecken. Doch dafür heißt es erstmal: Ab ins verrufene Guayaquil!

//Heiko

Share on FacebookShare on Google+Pin on PinterestShare on TumblrTweet about this on TwitterShare on LinkedInShare on StumbleUponShare on RedditEmail this to someoneDigg thisFlattr the authorBuffer this page

Author Bio

Leave a reply