Delhi

Ich schaue, wie die Landschaft an mir vorüber zieht und die Türme Udaipurs im Dunst der Ferne verschwinden. Rund 20 Stunden und einige Chai-Pausen später erreichen wir Punjab & Haryana. Gegen 4h in der Früh machen wir eine Pause und ein Großteil der Reisenden verlässt den Bus. Es ist unglaublich kalt und die meisten Leute sind in wärmende Tücher und Decken eingewickelt. Ich bin überrascht, wie stark die Temperaturunterschiede zwischen Nord und Süd bzw. auch zwischen Tag und Nacht sein können. Doch schon bald wird es zunehmend wärmer und gegen Mittag ist es schon wieder unerträglich heiß.

Ich habe mich entschieden, für uns drei ein Zimmer in Manju-Ka-Tilla zu buchen. Also fahre ich mit einer Fahrradrikschaw in das kleine, tibetische Viertel, eine Enklave, die am Ufer des Yamuna Rivers liegt. Das Viertel ist deutlich ruhiger als das Gebiet unmittebar im Zentrum Delhis und als Einstieg für D. und M. vermutlich ganz gut geeignet. Mir gefällt es auf Anhieb. Die Gässchen sind tierisch eng und gesäumt von zahlreichen, rotierenden Gebetsmühlen. Überall gibt es Mönche, buddhistische Tempel und Stände mit leckeren Momos, eine Köstlichkeit die ich einige Wochen später in Skkim noch oftmals zu mir nehmen werde . Zusätzlich tummeln sich auf den Straßen zahlreiche Händler und bieten ihre Wahren feil – teilweise ziemlicher Schrott.

Da es noch ziemlich früh am Morgen ist entschließe ich mich zunächst einige Stunden Schlaf nachzuholen. Unser Zimmer im Peace House ist relativ schön und die Aussicht außergewöhntlich: Blickt man aus dem Fenster sieht man auschließlich die Wand des gegenüberliegenden Gebäudes – etwa 1 Meter entfernt. Trotzdem, eigentlich kann man sich wohlfühlen, wäre da nicht der absolut widerwertige Gestank des nahe gelegenen Flusses. Irgendwie hatte ich vergessen, dass fließende Gewässer in Indien zwangsläufig als öffentliche Toielette genutzt werden und man somit teilweise einem ziemlich ekligen Geruch ausgesetzt ist. Noch ist das in Ordnung, doch zu jenem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, was uns in den kommenden Tagen gesundheitlich bevor stehen wird. Doch zunächst lasse ich mich auf das Bett fallen, überlege wie ich den weiteren Tag gestalte und schlafe schon bald ein.

– Bahai Tempel –

Gegen Mittag stehe ich auf und lasse mich via Rikschaw zum relativ weit entfernten Bahai-Tempel fahren. Dort angekommen werde ich erstmal dahingehend begrüßt, dass mir eine Frau mehr oder weniger auf die Füße pinkelt, offensichtlich ist ihr Bedürfnis mehr als dringlich, denn mitten auf dem Bürgersteig, auf dem ich gerade entlang laufe, lüftet sie ihren Sari und pinkelt los. Außergewöhnlich im Vergleich zu der doch sonst so allzu präsenten Prüderie.
Folglich springe ich etwas entgeistert zur Seite und flüchte in die sauberen, minimalistisch gehaltenen Grünanlagen des Tempels. Im Zentrum steht der moderne, architektnonisch interessanteLotustempel der Bahai, 1986 vollendet. In seiner Form gleicht er einer sich öffnenden weißen Lotusblüde. Sein Inneres steht jedem Besucher, gleich welcher Religion offen, und es ist angenehm dem Trubel der Stadt zu entfliehen und die Stille des Gotteshauses auf sich wirken zu lassen. Unweigerlich beginnt man sich mit religiösen Fragen auseinanderzusetzen, auch wenn man vielleicht eigentlich nicht gläubig ist, zumindest aber viele offene Fragen hat und das Meißte der großen Weltreligion nicht wirklich gutheißen kann. Ich jedenfalls komme ins Grübeln, fühle mich wohl, zugleich aber auch deplaziert und etwas unsicher.

Daher entschließe ich mich, mir das angeschlossene Museum zu Gemüte zu führen. Letztlich wird dort auf moderne und ansprechende Art und Weise die Geschichte der relativ jungen und bisher friedvollen Bahaireligion vorgestellt, deren Grundsätze und Glaubensmuster sicherlich zunächst mal interessant sind. Am Ende der Ausstellung komme ich „zufällig“ mit einem der Angestellten ins Gespräch, letztlich ist es natürlich auch ein Anliegen dieser Religion, möglichst viele Gläubige zu haben. Das Gespräch ansich ist ganz interessant, wir stellen fest, dass wir über Umwege sogar ein paar gemeinsame Leute in Deutschland kennen. Daher ist es auch nicht das erste mal, dass ich mich mit den Bahai auseinandersetze. Trotzdem läuft auch dieses Gespräch nach einer gewissen Zeit in eine Sackgasse, denn wie so oft ist auch die Bahai nicht gerade tolerant was sexuelle Vielfalt angeht und letztlich ist das ein nicht ganz unrelevanter Aspekt für mich. Zwar ist der Umgang damit sicherlich moderater und toleranter als beispielsweise im Islam, doch von einer Akzeptanz kann man auch hier nicht unbedingt sprechen. Gleichwohl muss ich sagen, dass ich jene Bahai, die ich im privaten Umfeld bisher kennengelernt habe als relativ weltoffen erleben durfte. Zwar quatschen wir noch ein wenig weiter, doch irgendwann wird deutlich, dass es Zeit zu gehen ist. Mit etwas ambivalenten Gefühlen breche ich also auf, steige in meine Rikschaw und entscheide mich auf dem Heimweg noch das Museum im Tibet-Haus mitzunehmen.

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– Aus 1 mach 2, mach 3 – Delhi belly und mehr –

Die Suche danach gestaltet sich schwerer als erwartet, doch nach einigem Hin-und-Her werde ich endlich fündig und durchkämme die Zimmer des kleinen, aber durchaus sehenswerten Museums. Die dortigen Angestellten sind sehr nett und sympathisch und es macht viel Freude, die ausgestellten Manuskripte und thangkas, also tibetische Stoffgemälde zu betrachten. Irgendwie lande ich schließlich noch im Buchladen und kaufe ein tibetisches Kochbuch. Eigentlich nicht sonderlich sinnvoll, habe ich doch noch einige Wochen Urlaub vor mir und muss jenes also fortan durch die Gegend schleppen. Doch irgendwie entfachen die Landschaftsbilder im Buch ganz plötzlich meine Sehnsucht nach Bergen und hohen Gipfeln und innerlich bin ich mir bereits in diesem Moment sehr sicher, dass ich weiter nach Oben, sprich in den Himalaya reisen möchte. Doch zunächst stecke ich in diesem monströsen Moloch namens Delhi fest und zähle die verbleibenden Stunden bis zu D.´s und M.´s Ankunft.

Ein paar Stunden später sind wir zu zweit, sitzen zusammen in Richtung Innenstadt, fahren entlang der grausig kahlen Satelitenstädte Delhis und ich bin mehr als froh, als wir das doch deutlich angnehmere Manju-Ka-Tilla erreichen. D. hat eine unglaublich lange Reise hinter sich, einen Aufenthalt von mehr als 15Stunden in Dubai und ist dementsprechend erschöpft. Bis wir alsogemeinsam in die Hektik der Stadt entschwinden vergehen einige Stunden, erst am Nachmittag brechen wir in Richtung Old Delhi auf, um das dortige Red Fort zu besichtigen. In der nachmittäglichen Hitze laufen wir durch die gleißend heißen Höfe des Forts und erkunden die zahlreichen Arkadengänge, Hallen, Museen und Bäder. Wir sind beide mehr als k.o., die Stimmung ist seltsam und ich hasse Delhi. Etwas desillusioniert verlassen wir nach einiger Zeit das Fort und entschließen uns noch etwas durch das tibetische Viertel zu latschen. Das ist angenehmer, aber der Geruch ist teilweise schwerlich auszuhalten. Irgendwann in der Nacht brechen wir wieder in Richtung des International Airports auf und holen M. ab. Fortan wollen wir zu dritt Indien erkunden.

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Am folgenden Tag entschließen wir uns die verschiedenen Basare der Stadt zu besichtigen und werden dabei in Gänze von der Stadt verschluckt. Wir werden durch Straßen getrieben und gedrückt, die engen Gedärmen gleichen und kaum den Himmel und das Sonnenlicht erkennen lassen. Es ist stickig, hitzig, erdrückend und viel zu voll. Um uns rum kocht es, überall wird frittiert und gebrutzelt, ich wünsche mich konstant an einen anderen Ort – sogleich all dies auf eine abwegige und unheimliche Art und Weise auch faszinierend ist. Immer wieder landen wir in kleinen Läden, die bis unter die Decke mit buntem Plastikramsch gefüllt sind. Gegenüber werden Teigmassen in spritzendes Fett geworfen. Überall tummeln sich struppige Ratten, die über die Straße huschen – meine Füße sutschen durch den Dreck, Schweiß perlt über blasse Gesichtshaut im Neonlicht.

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Erholsam, als wir uns irgendwann mit einem alten Mann unterhalten und einen Chai mit ihm trinken. Einer der ersten schönen Momente in dieser Stadt. Doch auch jener versucht uns irgendwann Postkarten zu verkaufen. Also wieder aufbrechen, weiter, rastlos und gehetzt durch die Hitze und durchs Gewühl…Immer weiter ohne anzukommen, Menschenmassen konstant, kein zurück, kein nach Vorne, einfach treiben lassen in dieser wahnsinnigen Masse.

Wir entscheiden uns schließlich, am Abend etwas feiner und ausgiebiger Essen zu gehen. Also fahren wir mit der Rikschaw ins Gowinda unmittelbar am Hare Krishna Iskon Temple Complex. Das Restaurant schaut sehr sauber aus, das Buffett lecker und frisch. Also schlagen wir zu, freuen uns über die gekühlte Luft und das leckere vegetarische Essen. Als wir aufbrechen kaufen wir uns noch einige mithai ein, indische Süßigkeiten die wir später am Abend, zurück im Hotel essen wollen. Doch als wir dort ankommen merke ich bereits, dass ich mich nicht sonderlich wohl fühle, D. scheint es ganz ähnlich zu gehen. Noch machen wir uns keine Gedanken, doch in der Nacht geht es dann los. Etwa zeitgleich wird uns im wahrsten Sinne des Wortes kotzübel, niemals im Leben habe ich mir derart intensiv der Seele aus dem Leib gespien. Letztlich ist diese Nacht, sind die folgenden Tage ein einziges Kriechen und Schleppen zwischen Bett und Klo, auf kahlen Fließen entlang, stets in der Hoffnung die Keramik noch zeitig genug zu erreichen. Wir fühlen uns, als sei unser Innerstes nach Außen gestülpt, jede verdammte Bewegung im Bett tut höllisch weh, unser Fieber schießt immer mehr in die Höhe und irgendwann habe ich Halluzinationen. Ich will nur noch nach Hause, fühle mich den anderen beiden schuldig gegenüber. Wir versacken in unserem stickigen Zimmer, der Gestank der Kotbrühe im Yamuna River kaum mehr zu ertragen – konstant kämpft man gegen den nächsten Brech- und Sonstwasschwall. Wir wollen weg, endlich weg aus diesem Siff, dieser Stadt, aus diesem ekligen, stickigen Gedärm.

Nach zwei Tagen geht es uns etwas besser, am dritten Tag ist der Wunsch diese Stadt zu verlassen stärker als die weiterhin latent vorhandene Übelkeit. Also entscheiden wir uns, früh am morgen aufzubrechen und den Zug nach Agra zu nehmen. Eigentlich sollte die Strecke in etwa 3 Stunden zu schaffen sein. Doch wieder einmal kommt alles anders: wir schleppen uns blass zum Bahnhof und sind froh, als der Zug endlich losfährt. Blicken wir aus dem Fenster, sehen wir scheißende Leute am Bahndamm. Mir wird unweigerlich wieder übel, all die Gerüche sind kaum auszuhalten. Letztlich sitze ich nur noch mit einem Feuchttuch vor der Nase im Abteil und inhaliere die chemnischen Kamillegerüche. Irgendwann dann, gegen Mittag: die Bremsen. Mitten in der Pampa, irgendwo zwischen Delhi und Agra in der gleißenden Sonne. Rund 6 Stunden stehen wir dort, keinen Meter geht es voran. Stromausfall. Gestank, Hitze, Menschenmassen und ständig die Sorgen, gleich wieder brechen zu müssen.

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