Ranakpur

– Ranakpur – 

Nach einer Nacht voller schrill kitschiger, bunter, lauter und hysterischer Träume (die letztlich doch keine Träume waren sondern schlichtweg die Ereignisse des Vortages) entschließe ich mich, heute einen Tagesausflug nach Ranakpur zu machen – einen jainistischen Tempel rund 3 Stunden bzw. 100km Busfahrt von Udaipur entfernt. Der Tempel liegt versteckt in einem einsamen, bewaldeten Tal und wird zu einem der Höhepunkte meiner Reise, zumindest wenn es um etwas von Menschenhand geformtes, also architektonische Meisterwerke geht.

Doch zunächst geht es in gewohnt rasanter Fahrweise durch Rajasthan. An uns vorbei zieht eine karge, mit Kratern durchfurchte Landschaft, magisch schön auf eine eigenweillige Art und Weise. Ziegen grasen an den spärlichen grünen Flächen, dünne Menschen, mit sonnengegerbter Haut und Turbanen sitzen am Straßenrand.

Trotzdem es wieder einmal mehr als interessant ist nicke ich ein und werde erst dann wieder wach, als ich ein kratzendes, reibendes Geräusch zu meiner linken wahrnehme. Als ich aufblicke befindet sich mein Gesicht rund 2cm enfernt von dem Gesicht eines anderen Mannes. Das problematische daran: Jener sitzt in einem anderen Bus. Zur Siatuation: die Straße auf der wir uns befinden ist sehr kurvenreich und links geht es steil bergab. Trotzdem ist mit Gegenverkehr zu rechnen. So geschehen. Unser Bus begegnet einem anderen. Keiner der beiden Fahrer scheint allerdings bereit den jeweils anderen passieren zu lassen, beide fahren also zeitgleich an, und versuchen sich aneinander vorbeizuquetschen. Dies funktioniert allerdings nur dann, wenn sich beide Busse auf ihrer gesamten Längsseite „aneinanderreiben“. Blech an Blech, Gesicht an Gesicht, kreischend und knarzend, nicht bereit zu warten, passieren wir einander. Zeit ist Mangelware.

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– Im Tempel – 

Doch schon kurze Zeit später erreichen wir das Ziel und ich bin recht froh den Bus verlassen zu können. Die Tempelanlage steht zwischen zwahlreichen Bäumen und man wird nicht konstant von Händlern zugequatscht. Äußerst angenehm! Ich entscheide mich direkt den Haupttempel zu besichtigen und reihe mich in die Warteschlange ein. Am Eingang wird man etwas eingehender untersucht, man darf keine Lederwaren tragen, muss barfuß laufen, Schultern bedecken und Frauen dürfen nicht ihre Montasblutung haben. Hier frage ich mich natürlich, wie das die Wachmänner bitteschön kontrollieren möchten.

Ich jedenfalls betrete schon bald den Tempel und berühre mit meinen blanken Füßen den agenehm kühlen weißen Marmor. 29 Hallen aus weiß meliertem Stein gilt es zu erkunden, prunkvoll verzierte Wand- und Deckenreliefs werden von rund 1450 filigran gehauenen Säulen getragen. Jede ist individuelle gestaltet, erzählt ihre eigene Geschichte und zeigt ein eigenes, phantastisches Muster. Durch die partiell offene Decke scheint die strahlende Sonne und schafft ein wunderbares Licht- und Schattenspiel auf dem glänzenden Boden. In der Mitte des Tempels steht ein alter, verwachsener Baum, seine Blätter werden durch den Wind in die verschiendenen Hallen des Tempels getragen. Kleine und größere Vögel starten und landen auf dem Gesimsen, ihr Flügelschlag hallt in der Stille wieder. Überall stehen kleine, von der Witterung vergilbte Messingschalen und kleine Kannen; Rosenblätter schwimmen in mit Wasser gefüllten goldenen Bassins. An jeder Ecke gibt es neue Stillleben zu entdecken. Indien präsentiert sich an diesem Ort von einer gänzlich anderen Seite: ruhig, kontemplativ und sanft.
Es ist faszinierend und eindrücklich durch den Tempel zu wandeln, die Zeit zu vergessen und fast alle Sinne befriedigt zu bekommen: die kühlende Glätte umschmeichelt die Fußsohlen, der Wind raunt einem etwas ins Ohr und die Augen sind nahezu geblendet von all der Schönheit.

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Nach langer Zeit verlasse ich den Tempel und laufe noch etwas durch den ebenfalls sehr schön angelegten Garten. Zahlreiche blühende Blumen und Palmen säumen die Anlage. Es wird zunemend heißer und die Sonne knallt vom Himmel. Schon bald sehne ich mich in die Kühle des Tempelinneren zurück. Doch stattdessen warte ich an der staubigen Straße auf den Bus, steige schon bald ein und unterhalte mich auf der Fahrt mit meinem indischen Sitznachbar. Irgendwann bietet dieser mir eine handvoll Betelnüsse an und ich kann letztlich nicht nein sagen. Also habe ich schon bald eine eigenwillig eklige, rote Masse im Mund, die ich nicht schnell genug loswerden kann. Wirklich nicht mein Geschmack. Kurven- und ruckelreich geht es zurück durch das Rajasthan in Abendröte, zurück nach Udaipur, dessen schon aus der Ferne gut sichtbarer Palast golden in der Abendsonne glänzt.

Bei einem leckeren Mal lasse ich den Tag ausklingen, sitze uund genieße die Aussicht am See, als es plötzlich zu knallen anfängt. Über dem Palast explodieren zahlreiche farbenprächtige Feuerwerkskörper. Die unzähligen Lichtpunkte spiegeln sich im Wasser wieder und scheinen durch die Nacht zu schwirren. Auch die Hochzeit scheint sich nun ihrem Ende zuzuneigen…

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Bevor ich am nächsten Tag in Richtung Delhi aufbreche, entscheide ich mich am Morgen noch eine Bootstour auf dem See zu machen und mir die Jagmandir-Insel anzuschauen. In gemächlichem Tempo fahren wir also durch die Hitze, am Gemäuer des Palastes entlang hinaus auf den See. Nach einiger Zeit erreichen wir die Insel, auf der wir nun eine Stunde verweilen werden. Auf der Insel steht ein von Maharadscha Karan Singh im Jahre 1620 erbauter Palast, der von einer grauen Kuppel gekrönt und von zahlreichen Elephantenstatuen umgeben wird. Fahnen und weiße Tücher flattern im Wind, überall plätschern kleine Springbrunnen vor sich hin. Nachdem ich ein erfrischendes Getränk getrunken und die wohl sauberste und luxuriöseste Toilette Indiens genutzt habe, breche ich wieder auf in Richtung Ufer, hole meinen Rucksack und laufe ein vorerst letztes Mal durch die wuselige Altstadt Udaipurs. Irgendwo am Straßenrand soll mein Sleeperbus für die Fahrt nach Delhi starten. Nach anfänglichem Chaos und der Sorge, dass ich in den falschen Bus steige finde ich meinen Platz, steige in meine Koje und bin gespannt auf die Dinge, die mich deutlich weiter im Norden erwarten werden.

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