Udaipur

– Udaipur –

Nachdem ich mich schweren Herzens von Saleem verabschiedet habe brettert unser Bus los. Ich liege in meiner „Sleeper-Schublade“, passe gerade so hinein und weiß, wie sich Hennen in Legebatterien in etwa fühlen müssen. Doch für die Dauer der Fahrt geht das in Ordnung, dass diese deutlich länger als veranschlagt dauern wird, weiß ich zu jenem Zeitpunkt noch nicht. Jedenfalls verbringe ich die ersten Stunden halb liegend, halb sitzend in meiner Koje unmittelbar hinter Fahrerkabine und lasse die Ausläufer dieses Molochs hinter mir. Mumbai, eine Stadt, die krasser nicht sein könnte, die niemals schläft, die einer Hure gleicht, die jede Nacht aufs neue von ihren korrputen Zuhältern und Politikern auf den Strich geschickt wird, die erschreckend und abstoßend ist, zugleich aber auch betöhrend, faszinierend, schön und ungleich belebend.

An mir vorbei ziehen riesige Slums, Mikrokosmen in denen das Leben zu pulsieren scheint, eine Welt für sich mit eignen Regeln und Strukturen. Im Gegensatz dazu und in unmittelbarer Nachtbarschaft die Hochhäuser und gated Communities der Reichen – in der Stadtplanung manifestiert sich das Schichtensystem der indischen Gesellschaft in Stein. Pavement dweller, die fast nichts haben und lediglich eine Plastikfolie über dem Kopf ihr eigen nennen einerseits, und die luxeriösen Häuser der Multis auf der anderen Seite – abgekapselt und seperiert von dem Rest der Bevölkerung.

Wir knattern durch die Hitze, der Schweiß läuft in Strömen. Und da wir ständig im Stau stehen geht es nur schleppend vorran und es gibt keine frische Luft im stickigen Bus. Die Temperaturen sind kaum auszuhalten und ich bin mehr als glücklich, als wir endlich die letzten Häuser der Stadt passieren und schließlich hinter uns lassen. Unser Bus befährt den Highway in Richtung Ahmedabad, endlich geht es etwas zügiger voran, auch wenn ich immer wieder überrascht bin, welche Fahrzeuge sich so auf einem indischen Highway tummeln können. Auch hier geht es durchauch chaotisch zu und genau das wird uns im nächsten Moment zum Verhängnis.

Da ich die Kabine hinter dem Fahrer habe schaue ich unmittelbar auf die Strasse und sehe somit recht gut was uns so alles entgegenkommt. Jedenfalls fahren wir schon bald mit recht hohem Tempo die Strasse entlang und unser Fahrer bemerkt offensichtlich nicht, dass der Truck vor uns – aus welchem Grund auch immer – plötzlich zum Stehen gekommen ist. Fürs Bremsen ist es zu spät, also krachen wir mit voller Wucht auf den vorderen Wagen. Durch den ganzen Bus geht ein Ruck und wir werden alle in unseren Kabinen etwas nach vorne gepresst. Zugleich gibt es einen lauten Knall und die gesamte Frontscheibe unseres Busses zerspringt in tausende kleine Scherben und brasselt hinab auf die Straße, den Fahrer und hinein ins Innere des Busses. Glücklicherweise, und das kann ich kaum glauben, ist niemanden etwas passiert. Die Konsequenz: Einer der Busfahrer springt durch das nicht mehr vorhandene Fenster, rast zum Rand des Highways und greift sich einen ziemlich großen, kantigen und schweren Stein. Mit dem rennt er dann auf den Truck zu und schmeißt mit voller Wucht den Stein durch das geöffnete Fenster des Trucks. Dessen Fahrer fackelt nicht lange, gibt Vollgas und entschwindet auf dem Highway in die Ferne. Oh man!

Wir jedenfalls stehen irgendwo im Nirgendwo, mitten in der Hitze und sitzen in einem Bus ohne Frontscheibe und zermatscher Fahrerkabine. Doch, wie es nicht anders zu erwarten war, wird nicht lange überlegt und wir fahren zunächst in langsamen Tempo weiter, in der Hoffnung bei einer größeren Raststelle vielleicht eine Werktstatt zu finden. Als wir dort eintreffen ist es bereits dunkel und wir befinden uns tief in wüstenähnlichen Gebieten, um uns rum nichts als Steine und vereinzelt ein paar Häuser in denen Essen angeboten wird. Bunte Glühlampen baumeln an den Häusern und erhellen die Nacht, irgendwie wirkt das auf mich alles gerade mehr als surreal und ich wünsche mich an einen gänzlich anderen Ort: nach Hause. Also suche ich eine Telefonzelle, werde letztlich sogar fündig und erreiche so meine Mitbewohnerin, deren gewohnte Stimme mich ein wenig beruhigt.

Irgendwann, ganz plötzlich geht es weiter. Und, wieder nicht anders zu erwarten, mit dem gleichen Bus und der weiterhin zerborstenen Frontscheibe. Fast unglaublich, aber den Rest der Reise rasen wir in gewohntem Tempo ohne Frontscheibe durch das nächtliche Rajasthan. Unser Fahrer hat sich einen Motorradhelm und Lederjacke zum Schutz vor Kälte und Getier aufgesetzt – das scheint zu genügend. Mal wieder bin ich verblüfft, amüsiert, begeistert und erschrocken zugleich was hier alles möglich ist und auf welch entspannte Art und Weise den noch so abgfahrensten Situationen begegnet wird. Indien eben…

Irgendwann wird der Verkehr zunehmend dichter und schließlich kommt er gänzlich zum erliegen. Einige Kilometer vor uns scheint es einen Unfall gegeben zu haben – ein Weiterkommen erstmal ausgeschlossen. Um Zeit todzuschlagen komme ich mit den Fahrern ins Gespräch und kann mich zu ihnen in die Fahrerkabine gesellen. Als es langsam weiter geht bleibe ich weiterhin dort sitzen, in noch relativ gemächlichem Tempo fahren wir Bidie rauchend durch das dunkle Nichts. Über uns ein einziger Sternenmatsch. Das fühlt sich gut, aufregend und frei.

Als es zu kalt wird krieche ich zurück in meine Schublade und versuche ein wenig zu schlafen. Dies gelingt allerdings nur so lange, bis wir plötzlich durch riesige Moskitoschwärme fahren. Und da wir ja keine Frontscheibe mehr haben ist der gesamte Bus binnen Sekunden voll von den Viehchern. An allen Wänden kleben zermatsche Fliegen, in meiner Koje schwirrt und summt es und ich bin fortan damit beschäftigt, zum einen die Viecher zu killen und zum anderen das Fenster geschlossen zu halten, denn durch das konstante Ruckeln des Busses rutscht dieses immer wieder nach unten und es kommen neue Schwärme hinein. Irgendwann jedoch lassen wir diesen, bei Fliegen offensichtlich sehr beliebten Landstrich hinter uns, und fahren unbehelligt weiter. Zunehmend wird es kälter, der Fahrtwind braust durch den Busgang und ich bin die folgenden Stunden wahrlich am Bibbern, freue mich daher umso mehr, als ich am Horizont die ersten wärmenden Sonnenstrahlen ausmachen kann.

– Udaipur entdecken –

Gegen Mittag, nach fast 30h Fahrzeit erreichen wir endlich das Ziel: Udaipur. Bei Ankunft das gewohnte Bild: Unzählige Fahrer und Schlepper, die sich darum kloppen die Ankömmlinge in ein bestimmtes Hotel zu führen. Und da ich in dem Bus der einzige Nicht-Inder bin, bin ich ganz offensichtlich besonders beliebt und bin wahrlich froh, als ich endlich einen Fahrer finde, der mich lediglich in die Innenstadt fährt, ohne mir zugleich ein „very cheap, good price for you my friend“-hotel aufzwingen zu wollen. Ich entsteige der Rikschaw unmittelbar vor dem Eingangstor des City Palace und entschwinde in einer der Nebengassen um nicht gleich wieder zum Objekt der Händlerbegierde zu werden. Ich bin hundemüde und daher nur froh, als ich einige verwinkelte Straßen weiter ein unheimlich schönes und nettes Homestay finde. Es wird von einem älteren Ehepaar geführt, wobei die einfachen Zimmer in einem großen Gebäude liegen, dass sich um einen Innenhof situiert. Ich beziehe mein Zimmer und fühle mich gleich wohl. Öffne ich die Fensterläden und blicke durch die schartenartigen Fenster, so kann ich tatsächlich noch eine kleine Ecke des Pichola-Sees sehen. Der See liegt unmittelbar am Fuße des Palastes und ist noch mit Wasser gefüllt, was in regenarmen Zeiten nicht unbedingt die Regel ist. Der See wurde von Udai Singh II vergößert – ein Dorf, nämlich Picholi musste dafür weichen. Inmitten des Sees liegen zwei Inseln, zum einen Jagniswas und zum anderen Jagmandir. Die erste werde ich einige Tage später besuchen. Doch zunächst bin ich einfach nur froh angekommen zu sein, lege mich auf das hölzerne Bett und bin schlichtweg froh, einige Stunden schlafen zu können und die Kühle des Raumes zu genießen.

Später am Abend, es ist nicht mehr ganz so heiß mache ich mich erstmalig auf Udaipur zu entdecken und bin gleich von Beginn an begeistert. Die Altstadt liegt auf einem sanften Hügel am Fuße des Palastes und erstreckt sich dann bis hinab zum Ufer des Sees. Das Leben scheint in dieser Stadt auf nette Art und Weise zu pulsieren. Es ist ein wenig touristisch, aber nicht zu sehr, es ist laut und hektisch, aber nicht zu sehr, es ist schmutzig, aber nicht zu sehr aber es ist vor allem bunt und schön. Stets hat man einen tollen Ausblick auf den Palast, nachts in warmen Farben illuminiert, auf die bunten Wäscheghats, an denen Frauen ihre Saris in die Sonne zum trockenen legen und auf den See, über dem Vögel ihre Bahnen ziehen. Am Horizont bilden die im Nebel liegenden Hügel eine rahmende Kulisse und lassen tatsächlich Assoziationen von 1001 Nacht aufkommen. Ich jedenfalls schländere zunächst durch die Gegend und genieße irgendwann ein leckeres Mal in einem der zahlreichen Roof-Top- Restaurants mit Blick auf Palast und See. Wirklich, wirklich schön!

Abendsonne

Ufertreppen

Palast

– Palast – 

Am nächsten Tag breche ich sogleich in Richtung des Palastes auf. Die kommenden Stunden verbringe ich also damit das riesiege Gebäude mit seinen zahllosen Türmchen, Kuppeln, Toren und wunderschönen Verziehrungen zu erkunden. Der Bau wurde einst von Maharadscha Udai Singh II. iniziiert und dann im Laufe der Zeit von zahlreichen anderen Maharadschas ergänzt und fertig gestellt. Der Palast beinhaltet zahlreiche interessante Museen und durch die unzähligen Fenster erhält man tolle Aussichten auf die Stadt beziehungsweise den See und die Hügel am Horizont. Das Innere ist prunkvoll gestaltet, alles glänzt und glitzert. Die Wände sind mit zahlllosen Mosaiken versehen und es ist eine wahre Freude, durch diese Gemäuer zu wandeln. Ich verlasse den Palast durch den Innenhof, der gerade für eine offensichtlich reiche und große Hochzeit geschmückt wird. In mir keimt die Hoffnung auf, von dieser etwas in der Stadt mitzubekommen und wie sich in den kommenden Tagen zeigen wird, werde ich nicht enttäuscht.

– Traumhafter Sonnenuntergang – 

Den Rest des Tages verbringe ich damit, durch die Stadt zu schländern und die zahlreichen Geschäfte zu erkunden. Natürlich lasse ich mich ein weiteres Mal zuquatschen und entscheide mich, mir Sandalen anfertigen zu lassen. Von den ausgestellten Schuhen im Laden bin ich überzeugt und ich freue mich, meine am Folgetag abholen zu können. Einige Wochen später, die Schuhe werde ich dann jeden Tag getragen habe, merke ich, dass mich der Verkäufer doch wieder verarscht hat und die schuhe nicht aus echtem Leder sind. Doch was solls, sie sind bequem und rubust, gefallen mir und ich freue mich weiterhin jeden Tag über meine errungenschaft. :-)

Ich entdecke also Udiapur und gegen Nachmittag laufe ich zum Ufer des Sees um einige Stunden im dort gelegenen Café ambrai zu verbringen. Dieses hat eine parkähnliche Außenfläche, man sitzt auf verschnörkelten Eisenstühlen unter schattenspendenen Grün und ich genieße leckeren schwarzen Tee aus formschönen Kännchen, den Blick schweifen lassend über die Ghats, den Palast und die vorgelagerten Palastinseln. Langsam beginnt die Sonne unterzugehen und der weiße Stein des Palastes färbt sich in ein warmes Gelb-Orange. So lässt es sich leben!

Irgendwann entscheide ich mich dann aufzubrechen, um unmittelbar ans Ufer gehen und den Lauf der Sonne betrachten zu können. Ich finde in einem mit Säulen gesäumten, alten Steingebäude eine Nische zum sitzen und lasse meine Bäume über das Wasser des Sees baumeln. Langsam färbt sich der Himmel gelblich rot und durch das Gegendlicht wirken die zahlreichen Pagoden, Türme und Türme der Paläste und Tempel wie schwarze Schattenrisse vor dem Himmel. Von Zeit zu Zeit starten und langen Vögel in meiner unmittelbaren Nähe und breiten ihre Flügel vor der Sonne aus. Dies sieht aus wie gemalt, wirkt fast inszeniert und kitschig, ist aber reinste Realität und daher schlichtweg schön.

Als es dunkel ist mache ich mich auf zurück in die Altstadt. Schon aus der ferne höre ich ein ziemliches Getöse, Geschreie, Geduel und Getrommel. Auf der Hauptstrasse, die in Richtung des Palastes führt, quetschen sich Unmengen von Menschen, die einen Zug von Reitern, einem Musikwagen und Tänzern säumen. Auf einem Pferd, dem Zug vorran reitend sitzt der stolze Bräutigam der im Palast heiraten wird. Die Innenstadt bebt, es ist ungluablich laut, die Häuserwände erwidern die schäppernde Musik und multipilzieren die Lautstärke. Ein Sog aus mannigfaltigen eindrücken, dem man sich nur schwerlich entziehen kann: bunt, schrill, laut und beengend. Abgefahren!
Ich lasse mich treiben, folge ein wenig dem bunten Zug, lande irgendwann durch Zufall in einem Temepfel, verbringe dort einige Minuten, habe eine Auseinandersetzung mit einigen Affen und flüchte dann in die Ruhe meines Zimmers.

Sonnenuntergag10

 

 

Share on FacebookShare on Google+Pin on PinterestShare on TumblrTweet about this on TwitterShare on LinkedInShare on StumbleUponShare on RedditEmail this to someoneDigg thisFlattr the authorBuffer this page

Leave a reply