Unterwegs auf dem Padjelantaleden II

– Tag III –

Die ganze Nacht über regnet es intensiv und auch am nächsten Morgen ist es nebelig, regnerisch und sehr kalt. Der heutige Tag hätte wohl eine grandiose Aussicht geboten, aber viel weiter als ein paar hundert Meter können wir nicht sehen. Der Weg folgt einem Bergrücken, der zu unserer linken liegt und knickt bald in Richtung Süden ab. Ab hier steigt der Weg wieder sanft, aber kontinuierlich an. Immer öfter treffen wir nun auf Schneefelder, zumeist oberhalb des Weges, die die Vielzahl der Bäche speisen, aber auch vereinzelte, die wir überqueren müssen. Nach einigen Stunden der Wanderung durch Regen, während der uns unsere Regenkleidung mehr oder weniger (eher weniger) trocken hält, treffen wir auf unserer erste Watstelle. Die Schneeschmelze hat das Wasser des Baches stark anschwellen lassen, eine Brücke existiert nicht und an eine Überquerung ohne nasse Füße zu bekommen, ist nicht zu denken. Nachdem wir knapp zwanzig Minuten nach der besten Stelle gesucht haben, entscheiden wir uns doch die Furt unmittelbar am Weg zu nehmen. In der Zwischenzeit ist eine Gruppe etwas betagterer Schwed_innen eingetroffen, die ratlos vor der Furt stehen. Die Reisegruppenleiterin erzählt uns, dass sie nicht damit gerechnet habe, dass der Bach so viel Wasser führe und dass einige der Teilnehmer_innen große Angst hätten den Bach zu queren. Da wir keine Lust haben in den nächsten Tagen in nassen Schuhen zu wandern, steigen wir auf unsere Trekkingsandalen um und begeben uns in den Bach. Die Strömung ist stark und reicht an der tiefsten Stelle bis zu den Knien; unmittelbar nach dem Betreten des Wassers fühlen sich meine Beine taub an und spätestens nach zehn Sekunden schmerzen sie beträchtlich. Nach einer knappen Minute im Krebsgang, den Blick flussaufwärts gerichtet und auf den Stock gestützt, ist der Bach überquert und die Füße brennen höllisch. Doch da sich die Reisegruppe noch immer nicht traut die Furt zu nehmen, entschließen wir uns kurzerhand ihnen zu helfen, indem wir gemeinsam mit der Leiterin die Teilnehmer_innen einzeln durch den Bach geleiten. Nachdem alle sicher auf der anderen Seite angekommen sind, lädt uns die Reisegruppe zum gemeinsamen Essen und zum Tee in der nächsten Hütte ein und feiert uns ein wenig als ihre „Helden“ – das waren die kalten Füße doch wert. :)

Nach einem recht steilen Abstieg erreichen wir nach kurzer Zeit die Låddejåkkastugorna. Da es draußen nach wie vor sehr ungemütlich und nass ist, gönnen wir uns den Luxus einer Übernachtung in der Hütte, die mit 30 EUR pro Nase arg zu Buche schlägt. Da aber die Rauchmeldeanlage defekt ist, bietet uns die Hüttenwärtin an, für nur zehn Euro dort zu übernachten, einzige Bedingung sei, dass wir für einige Stunden in der Nacht darüber wachen, dass kein Feuer ausbreche. Wir willigen ein, doch last but not least funktioniert die Anlage doch wieder, so dass wir für nur zehn Euro eine angenehm warme und weiche Nacht verbringen.

Die Hütte ist einfach eingerichtet, doch sehr gemütlich. Neben den mit Hochbetten ausgestatteten Vierbettzimmern, gibt es einen grossen Aufenthaltsraum, bzw. die Küche. Plumpsklos befinden sich draußen, Wasser holt man aus dem nahen Fluss und zum Waschen gibt’s große Metalschüsseln.  Bald schon sind der Tee und das Essen fertig, der Ofen wärmt die Küche und wir sind seelig.

– Tag IV –

Am nächsten Tag – die Reisegruppe ist schon längst wieder aufgebrochen – machen wir uns nach einem gemütlichen Frühstück (same same…) wieder auf den Weg. Wir haben noch ein sehr interessantes und freundliches Gespräch mit der Hüttenwärtin, die gemeinsam mit ihrer Tochter hier den Sommer verbringt. Sie erklärt uns, dass der Bau der Stauseen im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts die Rentierzucht – bis dahin Lebensgrundlage der meisten Sámi – maßgeblich verändert hätten, da vielerorts die jahrhundertealten Wege zu den Sommerweiden versperrt seien. Der Interessenskonflikt zwischen der schwedischen Regierung, die die Stauseen zur Energieversorgung des weitaus dichter besiedelten Südschwedens bauen ließ, und den Sámi schwele nach wie vor. Zwar sei der Staat bei der Genehmigung neuer Bauvorhaben und der Förderung samischer Kultur und Autonomie einige Kompromisse eingegangen, doch viele Sami kämen sich betrogen vor, sei Lappland doch eigentlich ihr Land – und nicht das der Schweden. Von diesen Konflikten hatten wir überhaupt eine Ahnung, hatten wir doch bisher sowieso nur eine sehr vage Vorstellung von samischer Kultur. Immerhin wussten wir, dass sich Lappland über den Norden Norwegens, Schwedens und Finnlands erstreckt und die Sami sich grenzübergreifend als ein Volk begreifen. Allen Problemen zum Trotz, erklärt sie uns, dass es nach wie vor einige Familien gibt, die noch in der Rentierzucht oder im Fischfang tätig sind: diese ziehen im Sommer in die im Nationalpark gelegenen Dörfer, leben in den Wintermonaten aber in den tiefer gelegenen und einfacher zugänglichen Siedlungen. Es gibt also nach wie vor eine starke Identifikation mit der samischen Kultur, in der Schule lernen Kinder auch wieder die Sprache ihrer Vorfahren und auch wenn es die meisten Jugendlichen zumindest für eine Zeit in die großen Städte des Südens zieht, so kehren doch viele wieder zurück in den Norden.

Das Wetter heute ist wunderbar! Zwar ist es bewölkt, doch immer wieder reißt die Wolkendecke auf und es zeigt sich strahlend blauer Himmel und Sonnenschein. Der Weg führt uns stets sanft auf und ab, die Baumgrenze, die in diesen Breitengraden bei nur ungefähr 750 Meter liegt, haben wir bereits gestern immer wieder überschritten. Heute passieren wir  weite Wiesen und nur in windgeschützten Senken findet sich hier und dort ein knorriger, verdrehter Baum. Gegen Mittag erspähen wir dann unser erstes Rentier. Die Hüttenwärtin hatte uns bereits angekündigt, dass heute die Tiere zur Kennzeichnung zusammengetrieben würden – mittels recht moderner Methoden, wie wir feststellen, denn bald schon erblicken wir einen Helikopter, der den Tieren nachstellt – und wir mit ein bisschen Glück viele Rentiere sehen könnten. Das Glück ist uns hold und von unserem mittäglichem Rastplatz aus, beobachten wir aus geringem Abstand eine Herde von etwa einhundert Tieren, die sich auf dem Weg bergauf befinden. Unter den Tieren sind auch viele Jungtiere, die ziemlich goldig und süß aussehen und einige Male als Fotomotiv herhalten müssen. Von unserem Platz aus haben wir zudem eine wunderbare Aussicht auf das Allakmassiv, das vor uns liegende Tal und die vielen Seen und Flüsse der Umgebung. Es ist kühl, aber die Sonne ist herrlich und wir beobachten die schnell vorbeiziehenden Wolken, die immer neue Formen und Gestalten annehmen. Es ist wunderschön hier und wir sind extrem froh im Fjäll zu sein, sich freizumachen vom Alltag und die Gedanken schweifen zu lassen. Wir unterhalten uns viel und über alles mögliche, doch es ist immer ausreichend Zeit vorhanden nachzudenken und ein wenig in sich zu kehren . Zwar denke ich auch hin und wieder an die Arbeit, aber Berlin kommt mir so wunderbar fern vor…

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Padjelantaleden_Rentiere

Padjelantaleden_Weg

Unser heutiger Zeltplatz ist einfach genial und wir erfreuen uns an der grandiosen Aussicht über den See Virihaure an dessen Ufer sich das kleine Samidorf Arasluokta befindet, das von hier oben winzig aussieht.
Wir genießen die Aussicht noch lange und nehmen unser Abendessen auf einem Felsen zu uns, sind aber nach einiger Zeit ziemlich durchgefroren, da es doch recht kalt ist. Leider ist der Platz mehr als mückenverseucht, da sich unweit ein kleiner Tümpel befindet. Mücken…jaaaa….das Thema habe ich bisher noch gar nicht angeschnitten, dabei ist es hier in Lappland eines, mit welchem man sich unweigerlich auseinandersetzen muss. Diese kleinen, miesen Biester sind allgegenwärtig und tun ihr Bestes Wandernden das Leben schwer machen, indem sie jede noch so kleine Lücke zwischen Kleidung und nackter Haut finden, jede Chance nutzen um sich todesmutig in Mund, Nase oder Ohren zu stürzen oder einfach ganz lässig durch die Kleidung stechen. Sie nennen feuchte Senken und moorige Wiesen ihr Revier und stürzen sich dort erbarmungslos auf jede_n Wanderer/ Wanderin, der /die so töricht sein sollte, sich in ihr Refugium zu wagen. Am Wegesesrand sahen wir Wanderer, ausgesaugt bis auf die Knochen, kaum als Menschen noch zu erkennen…Culicidae – Geisel der Menschheit, blutrünstiger Mörder. Ehm, ja, zusammenfassend kann gesagt werden, das Mücken echt nerven! Wir hatten zum Glück stichfeste Hosen, ausreichend Mückenschutzmittel und Netze für das Gesicht dabei. Letztere sahen beileibe nicht chic aus, aber Fjäll ist ja auch keine Modenschau.

Padjelantaleden_Ausblick

Padjelataleden_Töpfe

– Tag V –

Der folgende Tag führt uns weiter bergauf bis wir eine weite Hochebene erreichen, von wo aus unser Blick über die Seen und die Fjälllandschaft schweift. Die vielen Blaubeersträucher tragen noch keine Früchte – ein Jammer, dass wir zu früh dran sind. Auch die Moltebeeren, in Schweden Hjortron genannt – eine Beerensorte, die fast ausschließlich im hohen Norden wächst, ziemlich lecker schmeckt, aber im Geschäft (in Deutschland gibt´s sie schon mal gar nicht) sehr teuer ist, da sie wild gepflückt werden muss – sind leider noch nicht reif. Nach vielen schönen Ausblicken geht es wieder bergab, durch einen kleinen Wald, in dem wir bald die ersten Häuser Staloluoktas erspähen. Staloluokta ist das größte Sommerdorf der Sámi in dieser Region und umfasst knapp fünfzig Häuser, eine kleine Kapelle und einen Laden. Natürlich ist auch dieses Dorf nicht über Straßen zu erreichen. Zu gesalzenen Preisen gönnen wir uns hier einen Nachschub an Schokolade und zwei Dosen Lättöl – leichtes, schwedisches  Bier, das aufgrund seines geringen Alkoholanteils von 2,5% frei verkäuflich ist und nicht wie alle anderen alkoholischen Getränke ausschließlich im staatlichen Systembollaget zu finden ist. Wir haben nun circa die Hälfte des Padjalantaledens erwandert, es liegen also noch knapp 80 Kilometer zwischen uns und Kvikkjokk. Nach einer kurzen Rast geht es weiter in Richtung Südosten. Wir laufen noch einige Kilometer weiter, bis wir einen wunderbaren Zeltplatz am Ufer des Flusses Bållavrjåhkå entdecken, unweit eines rauschenden Wasserfalls. Es ist schon genial einfach das Zelt aufschlagen zu dürfen wo es uns beliebt und dabei stets die Auswahl zwischen so vielen wunderbaren Plätzen zu haben: heute lieber Wasserfall oder doch eher Aussicht über den See und die Gebirgskette?

Padjelantaleden_Wegweiser

Wir entschließen uns der plötzlichen Kälte zum Trotz, dass es mal wieder Zeit wäre an ein umfassende Waschritual zu denken, doch können wir uns nicht überwinden im Fluss zu baden. Daher erhitzen wir für jeden von uns zwei Flaschen Wasser, mit denen wir uns waschen. Leider hat David sich mit der Menge ein wenig verschätzt, so dass ihm das Wasser ausgeht, obwohl er noch komplett eingeseift ist. Es bleibt ihm leider nichts anderes übrig, als die Wäsche mit eisigem Schmelzwasser zu beenden. Vollkommen durchgefroren verkriecht er sich im Schlafsack und verbringt die nächsten Stunden mit Tee und im Prozess der Aufwärmung aus der Schockfrostung.

Hier geht´s weiter mit den Tagen VI bis IX!

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