Unterwegs auf dem Padjelantaleden III

– Tag VI –

Am nächsten Morgen erreichen wir eine trostlose sumpfige Senke, in der in großen, dunklen Tümpeln das Unheil auf uns wartet. In Schwärmen stürzen sich Mücken auf uns, erpicht darauf uns das Leben schwer zu machen. Wir nennen den Abschnitt des Weges kurzerhand „Mordor“ und sind froh ihn alsbald hinter uns zu lassen.  Der Weg steigt kontinuierlich an und wir wandern vorbei am Kierkevaremassiv, das zu unserer Rechten thront. Bald werden die Schneefelder immer zahlreicher und die Landschaft verwandelt sich in eine unwirtliche Mondlandschaft. Die Wolken hängen tief über uns und wir haben das Gefühl in einer anderen Welt gelandet zu sein. Wir passieren mehrere  eigenartige Felsformationen und ein abgenagtes Rentierskelett, bis wir zwei breite, flache Flüsse erreichen. Die müssen wir etwa durchwaten? An sich scheint das kein Problem, da sie wirklich sehr flach sind und die Strömung gering ist. Dennoch freuen sich unsere Füsse nicht auf die Kälte. Motivierend wirkt allerdings ein Schild, das auf die nächste Hütte verweist und frischgebackenen Kuchen anpreist. Schnell sind also die Sandalen angelegt – das Wasser ist wirklich ausgesprochen eisig, doch kurze Zeit später ist auch dieses Hindernis überwunden und wir erreichen unmittelbar danach die Tuottarstugorna. Lagen die meisten Hütten bisher eher etwas geschützter und in Tälern, so ist diese eine Ausnahme, da sie mitten in dieser unwirtlichen Landschaft in recht exponierter Lage liegt. Frischgebackenen Kuchen gibt es allen motivationssteigernden Ankündigungen zum Trotz nicht, dafür jedoch frisch gebackene Brotfladen, die wirklich wunderbar mit einem Stückchen (oder einer ganzen Tafel) Schokolade schmecken. Bei einer Rast neben den Hütten schauen wir uns die Flora ein wenig genauer an und entdecken trotz des herben Klimas schöne und vielfältige Pflanzen, die sich hier behaupten.

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Kurz nach der Hütte erreichen wir den höchsten Punkt der gesamten Wanderung. Für Euch Lesende mag es sich nun anhören, als hätten wir uns – der hochalpinen Umgebung entsprechend – in höchste Höhen vorgewagt, doch nimmt sich die Zahl allein eher bescheiden aus: 960 Meter über NN. Da liegt ja Elschen-Wenest im Siegerland höher! Aber wie Eingangs erwähnt, entspricht diese Höhe im Norden in Bezug auf Flora und Fauna in etwa einer Höhe von knapp 2500 Metern in Mitteleuropa.

Inmitten der unheimlich, düster und unwirklich anmutenden Hochfjälllandschaft schlagen wir unser Zelt oberhalb einer Seenkette auf. Der Ausblick ist mal wieder unbeschreiblich, doch wir erfreuen uns seiner nicht besonders lang, da es am Abend empfindlich kalt und nebelig geworden ist. War es auch an anderen Orten im Fjäll schon still gewesen, so scheint es hier mit Ausnahme des Windes noch weniger Geräusche zu geben und alles hört sich seltsam gedämpft an; wir fühlen uns ein bisschen einsam und kommen uns inmitten der Landschaft sehr klein vor.

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– Tag VII –

Von nun an wird es in den nächsten Tagen stetig bergab gehen und wir verlassen das Hochfjäll. Nach kurzer Strecke überqueren wir einen Bergsattel und haben einen grandiosen Ausblick auf das Tal des Tarraätno, das im Gegensatz zur kargen Umgebung in der wir uns noch befinden leuchtend grün und fruchtbar erscheint. Die Wolkendecke ist nun auch wieder aufgerissen und wir genießen die warme Sonne auf unserer Haut.

Der Abstieg ins Tal ist recht steil, aber einfach zu bewerkstelligen. Wir passieren immer häufiger üppige Blumenwiesen. Die Blumen blühen in geradezu verschwenderischem Ausmaße und leuchten wie tausend bunte Farbkleckse. An den sumpfigeren Stellen finden sich Meere von gelben Sumpfdotterblumen und neben dem Weg entdecken wir viele dicht von lila Krokussen bewachsene Stellen. Immer häufiger sehen wir darüber hinaus auch Insekten und kleine Vögel. Ebenso werden auch die Bäume zahlreicher: zu Anfang noch mehr Strauch als Baum, so laufen wir bald durch kleine, lichte Birkenwäldchen.

Die Tuottarstugorna sind schnell erreicht, aber wir laufen noch einige Kilometer weiter. Der Weg führt führt unentwegt auf und ab über die in das breite  Tal hineinragenden Ausläufer der umliegenden Berge und immer wieder passieren wir Geröllhalden, wo ein Bergrutsch einen Teil des Tals unter sich begraben hat oder breite steinige Flussbetten, die bezeugen welche Mengen von Schmelzwasser im Frühjahr hier von den Bergen herunter stürzt. Bald passieren wir einen größeren Fluss auf einer Hängebrücke und überschreiten wehmütig die Grenze des Padjelantanationalparks. Unmittelbar hinter der Grenze finden wir in einem Wäldchen einen – mal wieder – wunderbaren Zeltplatz in der Nähe eines Wasserfalls. Da wir uns nicht mehr im Nationalpark befinden, versuchen wir uns hier auch an einem Lagerfeuer. Da das Holz aber recht feucht ist und einem Lagerfeuer bei tagheller Nacht das Romantische fehlt, nutzen wir es nur kurz zum Kochen und um uns daran aufzuwärmen.

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– Tag VIII –

Der nächste Tag ist dem gestrigen recht ähnlich: Wir laufen durch das üppige Grün des Tals, das immer wieder von dicht mit Wollgras bewachsenen sumpfigen Wiesen, schnell fließenden Bächen und durch Gerölllawinen geschlagene Schneisen unterbrochen wird. Die Moltebeeren sind hier zwar schon etwas reifer, eignen sich aber noch leider immer  nicht zur Ernte. Es geht kontinuierlich bergab und immer häufiger verdrängen Fichten die Birkenwälder. Der Weg wird gesäumt von grossen Ameisenhaufen und häufig sitzen Frösche im Gras oder Kröten auf den Bohlenwegen. Die Berge, die das Tal begrenzen, ragen steil auf und zu unserer Rechten bahnt sich der Fluss Tarraätno mal wild und schaumig, mal ruhig und mäandernd seinen Weg in Richtung Kvikkjokk – dem Ende unserer Wanderung. Inzwischen ist es stark zugezogen und es regnet heftig. Das was uns durchnässt, ist jedoch nicht der Regen von oben, sondern das Wasser, das an den Blättern, die auf den Weg ragen, hängt. Zudem wird es so langsam auch unter unserer Regenkleidung ziemlich warm. Die Stimmung ist nicht so gut, da wir müde werden und kein geeigneter Zeltplatz, der unserem verwöhnten Auge genügt, auftaucht. Erst als wir den See Tarraure erreichen, finden wir eine richtig geniale Stelle unmittelbar am Ufer. Wehmütig verbringen wir nun den letzten Abend auf dem Padjelantaleden. Leider ist der Wind, der am Abend aufkommt und über den See pfeift so kalt, dass wir nicht draußen essen wollen und das wunderschöne Panorama des Sees nur durch die Zeltluke betrachten können. Da wir an unserem letzten Abend etwas Besonderes essen wollen, haben wir uns ein recht teures Outdooressen und einen Nachtisch bis heute aufbewahrt. Leider wird unserer Freude ein arger Dämpfer versetzt, denn ungeachtet der hübschen Blumendeko, mit der wir die breiige Speise optisch aufpeppen, ist das Essen ausgesprochen versalzen und echt nicht lecker. Und erst der Nachtisch…ohje…ich würde ihn als eine Herausforderung bezeichnen… 

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– Tag IX –

Den letzten Tag beginnen wir sehr zeitig, damit wir rechtzeitig um 14 Uhr am Fähranleger sein können, da die letzten sechs Kilometer nach Kvikkjokk nur im Boot zurückgelegt werden können. Das Gelände ist nun sehr flach und wir passieren zum ersten Mal wieder einige wenige dauerhaft bewohnte Häuser. Die Bäume sind inzwischen einige Meter hoch und bilden dichtere Wälder. Vor der Fjällhütte Nunjes treffen wir auf die beiden freundliche Hüttenwärtinnen, die uns eine Attraktion zeigen wollen: Unterhalb einer Hängebrücke wachse einer der seltensten Pflanzen Schwedens, die `Königin des Fjälls´, die unsere botanisch ungeschulten Augen wegen ihres unspektakulären Anblicks erst nach eindeutigen Hinweisen durch unsere wohlmeinenden Pflanzenfreundinnen erblicken. Ich befürchte, die halten uns für ziemlich ignorant, da wir noch nicht mal ein Foto machen.

Nach weiteren 13 Kilometer erreichen wir den Bootsanleger. Pünktlich um 14 Uhr holt uns und einige andere Wanderer ein kleines, offenes Motorboot ab. Die Fahrt nach Kvikkjokk ist sehr schön und das Wasser und der Himmel tiefblau. Der Bootsführer erzählt uns einige interessante Dinge über den Fluss, die Landschaft und Kvikkjokk und wir schauen ein letztes Mal zurück auf das imposante Tarrekaisemassiv.

Kvikkjokk ist ein wirklich hübsches, idyllisches kleines Dorf mit – sage und schreibe – 14 dauerhaften Einwohner_innen. Vor einigen hundert Jahren gegründet, als hier für kurze Zeit der Goldrausch ausbrach, verwandelte es sich bald wieder in ein kleines verschlafenes Nest, das im Sommer jedoch von – für lappländische Verhältnisse – recht vielen Tourist_innen besucht wird, da hier sowohl der Padjelantaleden, als auch der weitaus bekanntere Kungsleden enden. Wir besuchen die wirklich pitoreske Holzkirche des Dorfes und gönnen uns in der Fjällstation ein Eis, bevor wir den Bus ins 200 Kilometer enfernte Jokkmokk besteigen. Bereits im Bus bereuen wir jedoch bereits unsere Entscheidung nicht doch noch ein, zwei Tage länger in Kvikkjokk geblieben zu sein um so auf eine etwas intensivere und ruhigere Art und Weise vom Padjelantaleden Abschied nehmen zu können.

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Für den Padjelantaleden haben wir nun doch lediglich neun, anstelle von elf Tagesetappen benötigt. Von der Schwierigkeit her, war der Weg eher einfach, da es kaum fordernde Anstiege gibt, es einfach ist ihm im Gelände zu folgen,  es nur wenige Watstellen gibt und das Terrain mit Ausnahme weniger Geröllfelder kein hohes Maß an Trittsicherheit erfordert. Aber wir können den Padjelantaleden nur jedem ans Herz legen, denn die Landschaft, die auf den ersten Blick so leer und karg anmutet, ist wunderschön und in ihrer Einfachheit unglaublich vielfältig. Natürlich ist der Rücken manches Mal verspannt gewesen, haben die Mücken genervt und war das Essen wenig schmackhaft, aber wir fühlten uns unterwegs richtig gut und haben den Kopf wirklich von allen nervigen Dingen des Alltags freibekommen und die Zeit sehr genossen. Es hat sich also auf jeden Fall gelohnt herzukommen und wir sind sehr traurig, dass die Zeit im Fjäll nun zu Ende ist  – wenngleich wir uns natürlich sehr auf eine warme Dusche, frisches Obst und Gemüse und eine Waschmaschine für unsere Klamotten freuen. ;)

Hier geht´s weiter mit Jokkmokk!

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