Unterwegs auf dem Padjelantaleden I

– Tag I –

Gegen neun Uhr am Morgen kommen wir in Gällivare an, von wo aus es nochmal 2 ½ Stunden mit dem Bus weitergeht. Unser Busfahrer, ein leicht mürrisches Raubein, der mich ein wenig an John Wayne erinnert, gestaltet die Tour ganz interessant, indem er uns allerhand Dinge über die Gegend erzählt: Wo wie Straße vor einigen Wochen wegen eines Steinschlags noch gesperrt war, auf welchen Routen die Sami die Rentiere durch die Täler treiben und welche Auswirkungen die riesigen Stauseen auf Ökologie und das Leben der Sami haben. Die Landschaft hier ist extrem schön: Lichte Birken- und Fichtenwälder mit moosigen Findlingen wechseln mit moorigen, wollgrasbewachsenen Heiden und großen Seen. Darüber thronen schneebedeckte, schroffe Gipfel. Hin und wieder tauchen ein paar Häuschen auf, an denen der Busfahrer häufig Halt macht, um den Bewohner_innen ihre Tageszeitung zu überreichen. Die wenigen Dörfer, durch die wir fahren, wirken wenig einladend und werden von zweistöckigen Bauten aus den Fünfzigern dominiert. Wie wir wissen, leben hier viele Sámi, aber leider haben wir uns mit dieser Volksgruppe vor der Reise reichlich wenig auseinandergesetzt und haben daher nur die grobe Vorstellung, dass sie früher mal in Jurten lebten und Rentiere halten. Was haben wir auch erwartet – dass hier plötzlich alle in traditionellen Trachten herumlaufen? Und so halten wir weiter die Augen offen, können aber keine Anzeichen von dem sehen, was wir für samische Kultur halten. Und sowieso sehen wir wenige Menschen in den Dörfern – dass das jedoch am ehesten ein Hinweis auf die traditionelle Lebensweise der Sámi gibt, erfahren wir erst später.

Gällivare

Nach 200 Kilometern Busfahrt kommen wir nun in Ritsem an. Es steht ein letzter Transportmittelwechsel auf eine Fähre an, die uns in circa 30 Minuten über den Stausee Akkajaure bringt.  Hier startet der Padjelantaleden nun offiziell seinen Weg durch das Fjäll, das Gebirge an der schwedisch-norwegischen Grenze. Bis zu diesem Punkt sind nur noch einige wenige von den dutzenden Wanderern, die in Gällivare aus dem Zug stiegen, übriggeblieben und nur zwei weitere Personen machen sich heute noch auf den Weg.

Für die 160 Kilometer, die vor uns liegen, haben wir elf Tage eingeplant und Essen für knapp vierzehn Tage eingepackt. Tja, das Essen…Wer uns kennt, der weiß, dass wir gerne und gut essen. Kulinarisch war Lappland sozusagen ein Desaster. Schon vorab, beim Einkauf von 14 Tütensuppen, diversen Nudel-Fertiggerichten und dergleichen, war uns nicht ganz wohl zumute. Aber natürlich hatte die Minimierung des Gewichts Priorität (der Padjelantaleden war ja für uns Beide nicht die erste Tour), weshalb wir alle Dinge in möglichst trockenem Zustand mitnahmen. Zum Frühstück gab es Haferflocken mit Trockenobst und Milchpulver, dazu Instantkaffee oder Tee. Mittags haben wir uns Schokolade gegönnt und Müsliriegel gegessen und am Abend erwartete uns eine Tütensuppe und ein Nudelfertiggericht, Kartoffelpürree, Couscous o.ä. Alles in allem hatten wir ausreichend Nahrung dabei und sind immer gut satt geworden, was nicht heißt, dass uns die Müsliriegel am Ende der Reise nicht aus den Ohren wieder herausgekommen wären (wir haben pro Person zwei Müsliriegel pro Tag eingepackt). Wir hatten übrigens auch ein Essen und einen Nachtisch von Globetrotter dabei und freuten uns bei der Zubereitung auf etwas höherwertige Kost, doch wenn ich an den Instant-Blaubeerjoghurt zurückdenke, schüttelt es mich noch heute.

Wir machen uns also am Tag der Ankunft noch auf den Weg, da es aber schon später Nachmittag ist, haben wir vor, nur wenige Kilometer zu laufen und uns dann einen geeigneten Zeltplatz auszusuchen. Herrschte auf der Fahrt von Gällivare nach Ritsem noch Sonnenschein, so gibt es hier eine dicke Wolkendecke, die in den nächsten Tagen auch nur selten aufreißen sollte. Die Landschaft ringsherum zieht uns Beide sofort in ihren Bann: Karg und rau, windzerzaust und einsam, weit und wild und schön. Wir wandern zumeist über offene, feuchte Heiden, auf denen nur vereinzelte Birken stehen und unzählige kleine Blumen blühen. Immer wieder laufen wir über schmale Holzstege, die über besonders feuchte Stellen gelegt wurden. Der Weg ist nicht besonders konsequent markiert, aber da er recht ausgetreten und an vielen Stellen durch die Holzstege gekennzeichnet ist, kann man ihm zu jedem Zeitpunkt gut folgen. Hin und wieder führt der Weg durch kleine Birkenwäldchen und immer wieder müssen wir kleine Bäche überqueren. Das Tal steigt sehr gemächlich an und wir haben eine grandiose Aussicht über den Akkajaure und die umliegenden Berge. Kurz nach dem Start überqueren wir einen reißenden Strom, den Vuojatädno, auf einer Stahlseilbrücke. Obwohl ich ganz und gar nicht an Höhenangst leide, wird mir beim Herunterschauen in die schäumenden, mahlenden Wassermassen ein bisschen mulmig. Gleichzeitig fasziniert die Kraft des ungebändigten Wassers und das tiefe Aquamarin des Wassers.

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Nach circa zwei Stunden finden wir einen geeigneten Zeltplatz mit einer wunderbaren Aussicht über das Tal. Zum ersten Mal in diesem Urlaub bauen wir unser Zelt auf, was in den kommenden Woche zur Routine für uns werden wird. Bei einer kleinen Erkundungstour um das Zelt herum und  zum Fluss, entdecken wir ein paar verdächtige Spuren im Matsch…Nach kurzem Überlegen, welches Tier solche Spuren hinterlassen könnte, sind wir uns schnell einig, dass wir es hier mit Bärenspuren zu tun haben (ob das nun stimmt oder nicht, sei mal dahingestellt, zumindest war das für den Moment unsere „Arbeitshypothese“) – grade mal hundert Meter von unserem Zelt entfernt. Wir wissen ja Beide, dass Bären sich nur überaus selten Menschen nähern und kaum eine Bedrohung von ihnen ausgeht, doch ganz wohl fühlen wir uns ein paar Augenblicke nicht. Um keine Tiere anzulocken, hatten wir eh vor unseren Müll und unsere Essensreste ein bis zweihundert Meter vom Zelt entfernt zu lagern und so führen wir dies nun umso gewissenhafter durch.

Inzwischen haben wir gegessen und es ist es Abend geworden, doch nach wie vor ist es taghell und man kann ohne Probleme ein Buch lesen. Wir sind aber Beide ziemlich groggy und so verkriechen wir uns in unsere Schlafsäcke. So recht will der Schlaf aber trotz unserer schicken Schlafbrillen nicht kommen und so verlasse ich mitten in der Nacht nochmal das Zelt. Inzwischen ist es etwas dämmriger und bedeutend kälter geworden, ich schätze etwa fünf Grad Celsius. Der Unterschied zwischen Tag und Nacht ist also doch ganz gut feststellbar, wenngleich ich auch bei der Uhrzeit passen muss.

– Tag II –

Der zweite Tag beginnt ziemlich kühl und wird es auch die ganze Zeit über bleiben. Bis wir unser Frühstück beendet haben und alles wieder in den Rucksäcken verstaut haben, vergeht viel Zeit, doch zum einen haben wir weder den Zeitdruck, vor der einbrechenden Dunkelheit einen Schlafplatz zu finden, noch haben wir grundsätzlich Zeitdruck, da wir die Tour insgesamt sehr großzügig geplant haben. Zudem werden die morgendlichen Routinen in den nächsten Tagen auch ein bisschen geübter von der Hand gehen.

Der Weg steigt kontinuierlich, aber sehr sanft an und wir folgen zunächst noch dem großen Strom im Tal, allerdings aus immer größerer Höhe. Weiterhin wechseln sich mit Gräsern, Flechten und Blüten bewachsene Wiesen und Sümpfe mit Birkenhainen ab. So langsam machen sich die Schultern und der Rücken ob des ungewohnten Gewichts bemerkbar. Wir sind mit circa 20 Kilo pro Person gestartet. Es ist faszinierend mit wie wenig Krempel man auskommt und dass alles, was man benötigt im Rucksack platz findet. Ich empfinde es als große Erleichterung mich auf Trekkingtouren von allem Überfluss und unnötigen Dingen frei zu machen, einen ganz eigenen Rhythmus zu finden, der allein von der Natur und meiner Kondition bestimmt ist und all das Alltägliche hinter mir zu lassen.Dennoch muss man sich auch erstmal wieder an die 20kg auf dem Rücken gewöhnen. Ein großer Trost ist natürlich, dass wir das Gepäck mit jedem Tag ein Stückchen leichter futtern. Und zum Glück müssen wir hier kaum Wasser mit uns herumschleppen, da es überall klare Gebirgsbäche gibt, aus denen mal bedenkenlos trinken kann.

Padjelantaleden_3

Nach kurzer Zeit verlassen wir das Tal, dem wir bisher gefolgt sind und gelangen über einen niedrigen Pass in ein anderes Tal, auf dessem Grund wir einen weiteren, kleineren Fluss auf einer Brücke überqueren können. Nun stehen wir am Punkt an dem sich die drei großen Nationalparks „Stora Sjöfallet“, „Sarek“ und „Padjelanta“ treffen und sich der Weg dreiteilt. Ein paar Tafeln informieren über die Flora, Fauna und Geologie der drei Parks. Nach einigem hin und her, ob wir uns nicht doch spontan auf den Weg in den wegelosen und berühmten Sarek-Nationalpark machen (unsere Karte deckt auch diesen ab), entscheiden wir uns doch – wie geplant  – auf dem Padjelantaleden zu wandern. Da dies Davids und meine erste gemeinsame Tour ist, halten wir es für sinnvoll den Schwierigkeitsgrad gering zu halten und zudem haben wir bereits einige Schneefelder getroffen, die dafür sprechen, dass die höher gelegenen Pässe im Sarek noch sehr verschneit sein müssen.

Der Weg führt uns nun also in den Padjelantanationalpark und alsbald in ein sehr breites Tal, das von einem großen See, Kutjaure, dominiert wird. Die Wolken hängen tief und schwer und dunkel über uns. Anfangs verliert sich der Blick noch in der Weite der Landschaft, doch schnell zieht Nebel auf, der eine Fernsicht nicht zulässt. Das Tal erscheint uns nun öde und trostlos. Nach kurzer Zeit erreichen wir die Kisuris-Stugorna, eine der im Sommer bewirtschafteten Fjällhütten. Während der Sommermonate trifft man in diesen Hütten, die auf dem Padjelantaleden in circa 15-20 Kilometer Abstand errichtet wurden, einen Hüttenwart, der einen Auskunft über den Weg, die Wettervorhersage o.ä. geben kann und in der Regel einen kleinen Laden sein eigen nennt – dieser besteht manchmal aus einem Schuppen, manchmal aber auch nur aus einem Wandschrank, ist aber immer stets extrem teuer. Kein Wunder und sicherlich auch angemessen, denn der ganze Kram muss ja auch mit dem Helikopter extra hierher gebracht werden. Darüber hinaus kann man hier eine Nacht in einer Hütte verbringen, das Plumpsklo benutzen und für den Fall der Fälle einen Notruf absetzen, denn Handys haben im Park keinen Empfang. Da wir aber außer einem kurzen Gespräch mit dem sehr netten Hüttenwart keinen der Dienstleistungen in Anspruch nehmen wollen, geht es schnell weiter. Der Weg führt beständig auf und ab über kleine Hügel und ist an vielen Stellen von Bächen überspült. Rechts vom Weg passieren wir das Sámidorf Kutjaure, das wie alle anderen Dörfer im Nationalpark nur aus der Luft oder zu Fuß zu erreichen ist. Wir folgen weiterhin dem Vuojatädno, der rechts von uns nun weniger wild  und tosend als am ersten Tag, sondern eher wie ein langgezogener See, gespeist von abertausenden kleinen Bächen, in Richtung Stausee fließt. Der Baumbestand wird immer spärlicher und nur vereinzelte Birken und niedrige Sträucher trotzen dem rauen Klima. Der Wind scheint kontinuierlich von vorne zu pusten und macht das vorankommen schwerer und am frühen Nachmittag entledigen sich auch die Wolken ihrer Last. Es regnet ergiebig und scheint gar nicht mehr aufhören zu wollen. Wir haben zwar heute etwas weniger Strecke als angepeilt zurückgelegt, doch unser Wunsch nach  einer warmen Mahlzeit und trockenen Schlafsäcken, ist so groß, dass wir uns auf die Suche nach einem Schlafplatz machen. Einen geeigneten zu finden, gestaltet sich hier als nicht ganz so einfach, da der Boden entweder vollkommen sumpfig oder der Boden von knie- bis hüfthohen Sträuchern bedeckt ist. Nach einiger Zeit aber haben wir einen schönen Platz neben einem breiten Bach gefunden, an dessen Ufer wir uns mit eiskaltem Schmelzwasser bibbernd waschen können. Nachdem wir noch ein bisschen gelesen und gespielt haben (wir hatten Targi dabei – ein wunderbares und einfach zu transportierendes Zwei-Personen Spiel von Kosmos), fallen wir auch ohne Schlafbrillen schnell in den Schlaf.

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Padjelantaleden_3

Hier geht´s weiter mit den Tagen III-V!

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