Kanufahren in Dalsland

Nach einer grausigen, weil engen und unbequemen Busfahrt nach Årjäng in Dalsland, kommen wir um vier Uhr am Morgen am dortigen Busbahnhof an. Ein Mitarbeiter des Kanuverleihs soll uns gegen neun Uhr hier abholen. Die Laune ist am Tiefpunkt und wir suchen zuerst vergeblich nach einem Schlafplatz. Ein wenig außerhalb finden wir, neben einer Schnellstraße ein Waldstück auf dessen hügeligen, wurzeldurchzogenen Boden, wir im Regen unser Zelt aufschlagen, um noch ein paar Stunden Schlaf zu ergattern. Gerädert und verspannt machen wir uns nach ein paar unbequemen Stunden in trüb-nebeligem Wetter auf, um die zwei Kilometer zum Busbahnhof zurückzulegen. Schön ist es hier nicht. Aber mal sehen, was noch kommt…

Pünktlich um neun werden wir abgeholt und begegnen nach einer circa 15km langen Fahrt in Nordmarkens Kanot AB unserem ersten wirklich unfreundlichen Schweden – dem Inhaber des Kanuverleihs. Er spricht recht gut Deutsch, scheint aber von Deutschen an sich keine gute Meinung zu haben, was er uns auch zu spüren gibt. Zudem haben wir das Gefühl, dass jeder Furz dieses Mannes extra kostet, und so schießt der anfangs überschaubare Preis schnell in die Höhe. Wir entscheiden uns dafür das Kanu vier Tage zu mieten („wenn ihr zu spät kommt, berechne ich euch einen vollen Tag zusätzlich!“) und eine circa 60 Kilometer lange Strecke zurückzulegen, es sollte bloß nicht stressig werden.

Da wir keine Lust haben sofort zu Beginn und bei windigem, unsteten Wetter über den großen Västra Silen zu paddeln, beginnt unsere Tour mit einer zweieinhalb Kilometer langen, recht steilen Portage. Die Karte vom Kanuverleih ist leider so unpräzise, dass wir mehrfach falsche Abzweigungen wählen, jedoch auf freundliche Anwohner treffen, die uns den richtigen Weg zeigen. Bis auf unsere heutige negative Erfahrung, sind wir bisher ausschließlich auf freundliche und hilfsbereite Menschen getroffen. Der Unterschied zu Deutschland ist sehr auffällig, zudem sprechen die meisten Leute richtig gut Englisch, sogar viele Senior_innen, was hierzulande ja in der Generation unserer Großeltern ganz anders ausschaut.

Nach dem Einsetzen ins Wasser entladen sich die regengeschwangeren, tiefhängenden Wolken über uns. Und so paddeln wir durch eine trostlose, graue Landschaft, die leider gar nicht das ist, was wir uns erhofft hatten, zumal die Ufer mit vielen Ferienhäusern gespickt sind. Wir sehnen uns zurück nach der unberührten Natur und der Weite Lapplands und sind froh das Kanu nur für vier Tage gebucht zu haben. Das bleigraue Wasser scheint mit dem Himmel über uns zu verschmelzen und Nebel umhüllt uns. Unser erster Rastplatz ist dann leider auch nicht nach unserem Geschmack, da wir nach einer recht anstrengenden Seequerung eine vermeintlich einsame Insel angesteuert haben, die sich jedoch schon in fester Hand anderer Paddler befindet. Da es bereits dämmert, suchen wir uns auf dem kleinen Eiland eine etwas abgelegenere Ecke, werden jedoch bald von einer noch später eintreffenden Jugendgruppe umzingelt.

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Aber wie sagt man so schön: Erstmal eine Nacht drüber schlafen und dann sieht alles ganz anders aus?! In der Tat! Nach einer ausgiebigen Nachtruhe, unsere „Mitbewohner_innen“ waren schon längst aufgebrochen, scheint unsere Muffeligkeit verflogen und wir betrachten die Landschaft mit neuen Augen – eigentlich ist es doch ganz schön hier: Dichtbewaldete Inselchen und Landzungen strecken sich in den See, zwischendrin ragen mossbewachsene Felsen empor und Wasser soweit das Auge reicht. Paddler sehen wir immer mal wieder welche, aber im großen und ganzen sind wir die meiste Zeit über alleine unterwegs. Es gibt schon recht viele Ferienhäuser, aber zumeist haben wir das Gefühl, dass sie nicht bewohnt sind und zudem sehen diese  kleinen Holzhäuschen, zumeist in traditionellen fallunrot oder gelb gestrichen, wirklich schön und so richtig stereotypisch schwedisch aus. Abgesehen von einigen Zivilisationsgeräuschen wie dem Aufheulen einer Säge oder dem gelegentlichen Knattern eines Motorbootes, ist es sehr still, lediglich das Schwappen des Wassers und das Vogelgezwitscher sind als konstante Melodie der Seenlandschaft, unsere Begleiter.

Auch das Wetter klart am zweiten Tag langsam auf und immer häufiger blitzt die Sonne durch die Wolkendecke, bis sie irgendwann konstant scheint und das Wasser mit jeder Welle zum Schimmern bringt. Es ist zudem so warm, dass wir getrost in kurzer Hose und ohne Shirt unterwegs sein können. Scheinbar sind wir Beide ziemlich spät unterwegs, denn wir gewinnen bald den Eindruck, dass sich gegen ein Uhr (wir waren erst gegen halb zwölf losgepaddelt) alle anderen Kanuten schon wieder ein Plätzchen suchen, wo sie den Rest des Tages und die Nacht über verbringen würden. Scheinbar gibt es nämlich einen erbitterten Kampf um die wenigen offiziellen Rastplätze, die mit einem Plumpsklo, Brennholz, einer Feuerstelle und einem einfachen Unterschlupf ausgestattet sind. Wer nach ein Uhr noch unterwegs ist, scheint keine Chance auf einen solchen zu haben. Dieser Wettbewerb kommt uns ziemlich blöd vor, und da wir unseren entspannten Tagesrhythmus beibehalten wollen, verzichten wir auf das vorbereitete Feuerholz. Das Paddeln macht wirklich Spaß und ist, abgesehen von einigen größeren Seequerungen, sehr entspannt und so haben wir genügend Muße um Sterntaucher und Seeadler zu beobachten, die Ruhe zu genießen und hin und wieder unser Repertoire an singbaren Liedern zu durchforsten. Unser Zeltplatz ist an diesem Abend mal wieder wunderschön: vollkommen einsam, auf einer kleinen Klippe gelegen, die in einen schmalen, ringsum dicht mit Birken und Fichten bewaldeten See hineinragt; in der Ferne schimmern die Lichter eines Dorfes und über uns die Lichter der Sterne. Abgerundet wird die wunderbare Stimmung durch unser knisterndes Lagerfeuer, über dem wir Stockbrot backen, ein Glück, dass wir genügend Mehl und Hefe eingepackt haben! Und nun wird es auch endlich mal wieder Zeit sich den Bart zu stutzen; nach über zwei Wochen ohne Rasur, wird er langsam ganz schön struppig. :) Mitten in der Nacht fahren wir dann nochmal auf den See hinaus, um uns ein wenig treiben zu lassen und die Sterne zu beobachten.

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Der dritte Tag beginnt wieder recht spät und mit einem entspannten Frühstück (nach den spartanischen Mahlzeiten in Lappland, erfreuen wir uns nun an der weitaus frischeren und abwechslungsreicheren Kost). Heute ist es sogar noch etwas wärmer und sonniger als gestern und wir sind hocherfreut an einer Schleuse ein wohlverdientes Eis kaufen zu können. In dieser Gegend treffen wir häufiger auf andere Kanuten, darunter auch einige deutsche Gruppen. Ins Gespräch kommen wir aber nicht, worüber wir aber auch ganz froh sind, denn die schier unbändige Freude vieler Deutscher andere Deutsche im Ausland zu treffen, können wir nicht ganz nachvollziehen…Ach, sie sind aus Berlin? Das ist ja interessant, da wohnt eine Freundin von mir…sehr schöne Stadt…ich komme aus Wuppertal, kennen sie das…?

Der Tag bietet wenig spektakuläres, aber ist ganz entspannt und schön. Gegen Abend sind wir allerdings ein wenig frustriert, da wir längere Zeit durch einen Kanal paddeln, an dessen steilen Ufern sich kein Rastplatz findet, daher nehmen wir in der Hoffnung, dass nun schönere Plätze folgen mögen, noch eine circa zwei Kilometer lange Portage in kauf. Aber auch diesmal haben wir mehrfach große Schwierigkeiten den richtigen Weg zu finden und so zieht sich die Aktion über fast anderthalb Stunden hin. Ziemlich genervt setzen wir unser Kanu wieder ins Wasser, um von einer der größten Überraschungen unserer Tour empfangen zu werden: Am Ufer, keine fünfzehn Meter entfernt, steht eine stattliche Elchkuh. Wir haben circa zehn Minuten Zeit um ihr beim Fressen zuzuschauen, bis sie in einem angrenzendem Wäldchen verschwindet. Was für eine schöne Entschädigung für die letzten Stunden! Auch unser heutiger Rastplatz, auf einer kleinen Landzunge gelegen, ist wieder sehr schön und das Stockbrot schmeckt erneut vorzüglich.

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Der vierte Tag ist richtig heiß und so suchen wir am Nachmittag die Abkühlung im kühlen Wasser, das genau die richtige, erfrischende Temperatur hat. Auf den warmen Steinen, der felsigen Inselchen trocknen wir schnell wieder. Entspannung pur. Die Landschaft hat sich heute recht stark verändert, wir paddeln zumeist am Ufer eines recht großen, vor allem langgezogenen Sees entlang, und die Inseln und Landzungen sind spärlicher bewachsen als in den letzten Tagen und wirken viel trockener. Unsere „Schlafinsel“ versprüht  nahezu mediterranes Flair – zumindest mit ein bisschen Fantasie – und wir taufen sie „Klein-Sizilien“. Auch in der Nacht ist es so warm, dass wir nur unser Innenzelt aufbauen. Hier gibt es extrem viele Kröten, von denen wir hin und wieder eine einfangen, um ihre schönen Augen zu bestaunen. Eine pinkelt vor lauter Schreck in Davids Hand, deren Zeigefinger kurz danach massiv anschwillt. Wir haben keine Ahnung, ob da ein Zusammenhang besteht, ob es sich um eine allergische Reaktion handelt; jedenfalls ist der Finger nach kurzer Zeit doppelt so dick, überhitzt und schmerzempfindlich, aber zum Glück ist die ominöse Schwellung nach einiger Zeit wieder rückläufig.

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Am letzten Tag müssen wir recht früh aufbrechen, da unser Bus Richtung Stockholm gegen zehn Uhr am Morgen losfährt und wir den Kanadier noch reinigen müssen. Die letzten drei Kilometer legen wir sehr flott zurück und das Boot ist schnell gesäubert, fürs Duschen hingegen lassen wir uns viel Zeit (man lernt in einem solchen Urlaub warme Duschen sehr schätzen). Nachdem wir uns noch ein wenig über den grummeligen Besitzer des Kanuverleihs geärgert haben, nimmt uns seine, im Gegensatz zu ihm, sehr freundliche Ehefrau zur Busstation mit (sie musste zum Einkaufen eh dorthin, aber natürlich berechnete uns der Inhaber nochmal zehn Euro für den „Shuttle-Service“).  Auf dem Weg erzählt sie uns, dass sie und ihr Mann das Unternehmen schon seit vierzig Jahren führen und davon, wie schwer es sei, das Geschäft am Leben zu erhalten, da die Nachfrage nach lukrativen geführten Touren sinke und große Reiseveranstalter Kund_innen abwerben würden. Vielleicht erklärt die Sorge die Grießgrämigkeit des Inhabers?

Alles in allem waren die Tage in Dalsland, auch wenn wir einen unglücklichen Start hatten, sehr schön. Wir würden nicht unbedingt nochmal in dieses Kanugebiet zurückkehren, da uns andere Reviere, z.B. der Glaskogen in Värmland oder Teile der Mecklenburger Seenplatte, besser gefallen haben, aber es war ganz und gar keine verlorene Zeit in  Dalsland. Zwar sind wir nach wie vor traurig so übereilt aus Lappland aufgebrochen zu sein, doch unsere Sorge, dass wir eine schlechte Entscheidung getroffen hatten, hat sich nicht bestätigt: Lagerfeuer, die Elchkuh, das tiefe Blau der Seen und das Plätschern des Wassers, die Ruhe und die Sonne, haben ungebührend entschädigt und uns besänftigt.

Gegen 10 Uhr besteigen wir den Bus nach Stockholm. Was würde uns auf Gotland erwarten?

Hier geht´s weiter mit Gotland.

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