Gotland

Da unser Bus zur Fähre erst gegen 23 Uhr am Stockholmer Cityterminalen abfahren wird- die Fähre in der Nacht ist weitaus preiswerter als eine entsprechende Verbindung am Tage -, haben wir einen weiteren Nachmittag in Stockholm, den wir u.a. im Ivar Los Park auf der Södermalm verbringen. Bei Filmjölk, Kannelbullar und Obst genießen wir die schöne Aussicht auf die Stadt, wobei wir uns mit unseren ungewaschenen Trekking-Klamotten mal wieder ein wenig deplatziert vorkommen.

Die Überfahrt von Nynäshamn nach Gotland dauert knapp drei Stunden und verläuft vollkommen reibungslos und unspannend. Mit unseren preiswerten Tickets dürfen wir uns lediglich Plätze auf den Stühlen und den wenigen Bänken im Restaurantbereich suchen. Aus Bequemlichkeitsgründen machen wir uns dort allerdings schnell auf dem Boden breit, dennoch ist nicht wirklich an Schlaf zu denken und so kommen wir ziemlich fertig um halb vier am Morgen in Visby an. Von der Fähre aus machen wir uns direkt auf den Weg zum Campingplatz; natürlich ist zu dieser Uhrzeit nicht an ein Einchecken zu denken, so bauen wir unser Zelt einfach auf, um uns dann später – nach dem Ausschlafen – anzumelden. Unser zweiter Campingplatz der Reise ist ganz in Ordnung, aber nachdem wir uns  daran gewöhnt haben unser Zelt in freier, einsamer Natur aufzuschlagen, nerven uns die Campingnachbarn etwas. Immerhin liegt der Platz unmittelbar am Strand.

Gotland ist gewissermaßen die Sommerfrische der Festland-Schweden, denn nirgendwo sonst scheint die Sonne so häufig im Land, wie hier. Da zur Zeit Ferien sind, sind entsprechend viele Familien, Jugendliche und Studierende vor Ort. Hier gilt scheinbar „sehen und gesehen werden“ und so stolzieren viele aufgebrezelte Blondinen und gebräunte oben-ohne (Möchtegern?-) Beachboys durch die Straßen Visbys, was erstmal nicht ganz zur mittelalterlichen Kulisse der Stadt passen will. Visby selbst ist eine wirklich sehenswerte kleine Stadt: Nahezu komplett umringt von einer mittelalterlichen Stadtmauer, drängen sich in der Altstadt niedrige mittelalterliche, rosenumrankte Häuschen, schmale Treppen, kleine Hinterhöfe und Richtung Hafen stattlichere Bürgerhäuser. Bemerkenswert sind vor allem aber die vielen Kirchenruinen in der Stadt. Bis auf den Dom – dessen Hof unser beliebtester Picknickplatz in der Stadt werden sollte – wurden im 16. Jahrhundert vom Heer der Hansestadt Lübeck alle Kirchen der Stadt zerstört. Bis heute überragen die teils mit Rosen und Efeu überwachsenen Überreste dieser zwölf Kirchen das Stadtbild und verleihen Visby eine schöne verwunsche Atmosphäre. Übrigens wurden die Pippi-Langstrumpf-Filme u.a. hier gedreht: David erkennt auch sofort einige Drehorte wieder. In der Stadt reihen sich Cafés und Restaurants für die Touristenschwärme aneinander, allerdings findet man auch immer wieder Orte, die vergleichsweise ruhig sind. Nach langer Suche werden wir hier auch endlich mal wieder mit richtig gutem Kaffee verwöhnt, den wir an einer sehr unscheinbaren Bude am Hafen kaufen. Kulinarisches Highlight Gotlands ist für uns ansonsten der „Saffranspannkaka“ – ein Milchreiskuchen mit Mandeln und Safran, der mit Sahne und Kompott gegessen wird und richtig gut ist! Das  Wetter hier ist genial und hält das, was Gotland scheinbar verspricht: Strahlend blauer Himmel und Sonnenschein bei 25°C.

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Nachdem  wir Visby zwei Tage ausgiebig erkundet haben (so langsam kehrt das Gefühl ein jedes Gässchen gesehen zu haben), leihen wir uns Räder für drei Tage aus – angeblich ist Gotland ein Eldorado für Radler. Unsere stolzen Räder sind sogar richtige Persönlichkeiten, um die wir uns auf der Radreise eine Vielzahl alberner, aber witziger Geschichten ausdachten: Kristina Magenta Monark und Philipp.

Wir folgen vorerst dem Gotland-Radweg, der in seiner Gänze einmal um die Insel herumführt. Da wir allerdings nur wenig Zeit haben, wollen wir bis zur Nordspitze der Insel radeln und dann wieder zurück nach Visby fahren. Ehrlich gesagt, konnten wir das Paradies für Radfahrer auf unserer Tour nicht entdecken, aber vielleicht waren wir ja auch einfach in der falschen Ecke unterwegs?  Der Radweg verlief zu weiten Teilen neben einer stark befahrenen Bundesstraße, von der er nur hin und wieder über kurze Abschnitte näher zum Meer hin oder ein Stückchen weiter ins Hinterland hinein, wegführte. Vom Meer war man leider meistens recht weit entfernt, so dass man es noch nicht einmal zwischen den Bäumen aufblitzen sah. Natürlich hat es ja auch sein Gutes, dass die Straße nicht unmittelbar am Wasser entlangführt, denn so war es noch möglich einsame Strände und viele unverbaute Buchten zu finden. Dennoch hatten wir etwas andere Vorstellungen von der Tour, die sie so nicht erfüllte – aber ich greife vorweg…

Das Wetter zumindest spielt auf unserer Tour mit und so haben wir die ganze Zeit Sonnenschein, mit Ausnahme des ersten Abends, an dem es mächtig gewittert und wie aus Kübeln schüttet und wir feststellen müssen, dass die Regenschutzüberzüge – die wir beim Fahrradausleih erhielten – leider nicht gänzlich über die Packtaschen passen; ein Glück, dass wir unsere Klamotten zusätzlich in Plastiktüten verpackt haben! Da es nach einer halben Stunde noch immer Bindfäden regnet, verlassen wir das Wäldchen, in dem wir uns untergestellt haben, und machen uns auf die Suche nach einem Zeltplatz. Das Unwetter wird immer stärker und langsam setzt die Dämmerung ein. Doch nach einigem Suchen und holprigen Waldwegen, haben wir einen geeigneten Platz unweit des Strandes gefunden. Da es jedoch so stark regnet, haben wir kaum ein Auge für die Umgebung. Nachdem es die ganze Nacht hindurch geschüttet hat, erwachen wir bei herrlichem Sonnenschein inmitten einer wunderschönen Küstenlandschaft: Windzerzauste Bäume, ein breiter, menschenleerer Kieselstrand,  dahinter ein lichter Kiefernwald und steil aufragende Klippen und vor uns das wunderbar blaue Meer. Vor dieser tollen Kulisse lassen wir un viel Zeit mit dem Frühstück und genießen es hier zu sein. Anschließend erkunden wir ein wenig die nähere Umgebung und klettern über einen kleinen Pfad auf die ins Meer ragenden Klippen. Von hier oben hat man eine schöne Aussicht auf die Bucht und darüber hinaus auf einen langen Küstenabschnitt, wo man unter anderem Visby in der Ferne mit seinen vielen Türmen ganz gut ausmachen kann.

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Nach einiger Zeit kehren wir zurück zu unseren Rädern Kristina und Philipp und machen uns auf den Weg zurück zur Straße. Die Landschaft ist recht abwechslungsreich und geprägt von Landwirtschaft, Wäldchen, Heidelandschaften und kleinen moorigen Abschnitten. Man merkt der Vegetation an, dass es hier wärmer ist als in den anderen Regionen Schwedens. Auffallend sind auch die vielen Steinmäuerchen und Zäune, die die Weiden der allgegenwärtigen, zotteligen Gotlandschafe begrenzen. Wir passieren viele mittelalterliche, trutzige Kirchen, die innen schlicht ausgestattet, aber wirklich schön anzusehen sind. Gotland muss im Mittelalter wirklich eine reiche Insel gewesen sein, wie sonst hätte die Bevölkerung so viele massive Kirchen errichten können? Egal zu welcher Zeit, die Gotteshäuser sind nie zugesperrt – da sieht man wieder einen Unterschied zu Deutschland: Dort würden aus Angst vor Vandalismus höchstwahrscheinlich strenge Schließzeiten eingehalten. Ansonsten gibt es außer ein paar kleinen Dörfchen wenig zu sehen, aber die Straßen sind weiter entfernt von Visby immerhin weitaus weniger dicht befahren, so dass die Tour heute entspannter ist. Wir radeln weiter bis zum nördlichsten Punkt unserer Tour: Hall, ein kleiner Ort, in dem wir einige hübsche Fischerhütten aus Holz und eine kleine ebenfalls hölzerne Dorfkirche anschauen. Bald geht es wieder in Richtung Süden und wir halten die Augen offen, ob wir nicht irgendwo ein Eis kaufen können, doch das gestaltet sich hier als schwierig…nach vielen Kilometern finden wir schließlich doch ein sehr hübsches Café, in dessen Garten wir mit Eis und Zimtschnecken und Hängematten  für unsere Ausdauer belohnt werden. Kurz darauf finden wir auch unseren zweiten Zeltplatz, der wieder grandios ist: Sternenhimmel, ein einsamer Steinstrand, dahinter Klippen, kleine Wiesen und Wald. Unser Lagerfeuer am Strand macht die ganze Szenerie perfekt. Ach, es ist doch schon sehr schön hier auf Gotland…

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Die  Rückfahrt nach Visby verläuft bis auf einen Besuch bei einem der vielen hier ansässigen Imker, vollkommen ereignislos. Die Zeit bis zum Ablegen der Fähre verbringen wir in Visby mit einem letzten Picknick im Hofe des Doms, Eisessen und erneutem Schlendern durch die Gassen der Stadt. Da wir danach noch immer viel Zeit haben,  entschließen wir uns ins Kino zu gehen (Batman Begins) und lassen unsere schöne Zeit auf  Gotland anschließend mit einer Flasche Cider auf der Parkbank und mit Sonnenuntergang über dem Meer ausklingen. Die Überfahrt aufs Festland funktioniert so reibungslos wie die Hinfahrt, nur diesmal sind wir schlauer und schnappen uns sofort einen Platz auf dem Boden, da wir wissen, dass wir jede Minute Schlaf für den morgigen Tag brauchen…

Hier geht´s weiter mit Stockholm Teil II.

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